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Umstrittenes Exportmodell: Wo die USA mit ihrer Deutschland-Kritik recht haben

Dieser Gastbeitrag wurde erstmals veröffentlicht auf SPIEGEL Online am 1. November 2013.

Die ungewöhnlich harsche Kritik der USA an Deutschlands Exportüberschüssen hat hierzulande Empörung hervorgerufen. Kein Land wird gerne von einem anderen ermahnt, seine Wirtschaftspolitik zu ändern. Regierungen in Spanien, Italien, Portugal haben dies in den letzten Jahren schmerzlich zu fühlen bekommen.

Wir Deutschen mögen diese US-Kritik vor allem deshalb nicht, weil wir das Gefühl haben, wirtschaftspolitisch in den letzten Jahren alles richtig gemacht zu haben. Zudem kommt die Kritik von einer Regierung, die durch ihre Politik 2008 die globale Finanzkrise verursacht und auch in den vergangenen Jahren entscheidende wirtschaftspolitische Fehler begangen hat.

Trotz unseres verletzten Stolzes sollten wir selbstkritisch und offen genug sein, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, ob die US-Kritik nicht doch einen wahren Kern hat. Falsch ist der Vorwurf, dass der enorme deutsche Exportüberschuss von 170 Milliarden Euro – oder fast sieben Prozent der Wirtschaftsleistung – die Anpassung in den europäischen Krisenländern verhindere. Nur zwei Prozent des deutschen Überschusses fällt gegenüber der Euro-Zone an, ein noch geringerer Teil gegenüber den Krisenländern.

Auch steht die deutsche Wirtschaft nicht in Konkurrenz zu Unternehmen in den Krisenländern, sondern vor allem zu solchen in den USA und in Asien. Eine schwächere Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde also den Krisenländern nicht helfen, sondern eher schaden, da dies ihre Exporte nach Deutschland reduzieren würde.

Ein relativ schwacher Euro-Wechselkurs oder niedrige deutsche Löhne sind ebenfalls keine gewichtigen Gründe für Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit – die Exporte sind in den vergangenen Jahren trotz großer Wechselkurs- und Preisschwankungen kontinuierlich gestiegen. Entscheidend ist vielmehr die starke Marktstellung deutscher Unternehmen in spezifischen Nischen und Produktkategorien, die für das Wachstum vor allem der Schwellenländer von fundamentaler Bedeutung ist.

 

Höhere Importe sind in unserem eigenen Interesse

Auch wenn die Begründung der US-Kritik an den deutschen Exporten also falsch ist, sollten uns der hohe Exportüberschuss und die starke Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft trotzdem große Sorgen machen. Denn die riesigen Überschüsse Deutschlands spiegeln tiefe strukturelle Probleme der deutschen Wirtschaft wider: die große Investitionsschwäche der Unternehmen und des Staates.

Den starken deutschen Exportsektoren stehen schwache Dienstleistungssektoren gegenüber, in denen die Investitionen stark gefallen sind, die wenig produktiv sind und die kaum Wachstum schaffen. Das DIW Berlin hat berechnet, dass diese Investitionslücke in Deutschland jedes Jahr drei Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, das sind 80 Milliarden Euro – eine Bremse für das Wachstum und damit für Beschäftigung und Löhne in Deutschland.Kurzum: Die große Investitionslücke ist der Hauptgrund für die hohen Exportüberschüsse Deutschlands. Das Problem sind also die fehlenden Importe für Investitionen und nicht die zu hohen Exporte. Diese Investitionsschwäche zu beseitigen, würde auch Europa helfen, denn von stärkeren Exporten nach Deutschland würde der ganze Kontinent profitieren.

Vor allem liegt es aber in unserem eigenen Interesse, die Exportüberschüsse durch mehr Investitionen in Deutschland zu beheben. Das würde Beschäftigung und Produktivität fördern, und damit auch nachhaltiges Wachstum und Wohlstand in Deutschland schaffen.

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