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„Die Sanktionen werden Russland hart treffen“

Mein Interview mit n-tv.de erschien erstmals am 30. Juli 2014.

n-tv.de: Wie empfindlich treffen die Sanktionen Russland?

Marcel Fratzscher: Es ist schwierig, das genau abzuschätzen. Außer Frage steht allerdings, dass Russland deutlich an Wirtschaftskraft verlieren wird. Ich erwarte, dass Russland dieses Jahr in eine Rezession fällt – und das liegt vor allem an den Sanktionen. Die Maßnahmen gegen den Energie- und den Rüstungssektor werden erst langsam Wirkung entfalten. Die Finanzsanktionen werden dagegen sofort zu spüren sein.

Warum?

Große russische Banken kommen künftig in den USA und in Europa nicht mehr an  Kredite. Nicht nur für die betroffenen Geldinstitute, auch für Unternehmen heißt das: Die Finanzierung wird teurer. Das wird die russische Wirtschaft deutlich schwächen.

Wie wird sich das auf die russische Bevölkerung auswirken?

Die Sanktionen werden Russland hart treffen. Das werden auch die normalen Menschen spüren – über höhere Kreditzinsen, geringere Wirtschaftsleistung, steigende Arbeitslosigkeit und weniger Einkommen.

Bei aller Bedeutung des amerikanischen und des europäischen Kapitalmarkts. Können die betroffenen Firmen und Banken nicht andere Finanzierungsquellen finden?

Russland wird sicherlich versuchen, über China und andere Schwellenländer Zugang zum Kapitalmarkt zu bekommen. Das wird aber nur in einem kleineren Ausmaß gelingen. Denn es gibt keine Alternative zu den Märkten der USA und der EU, zumal viele der russischen Kredite dort noch laufen. Außerdem liegt hier ein Großteil der Devisenreserven im Volumen von 500 Milliarden Dollar fest.

Russland gibt sich unbeeindruckt …

Es ist nachvollziehbar, dass die russische Führung versucht, die Auswirkungen herunterzuspielen. Das macht Hoffnung, dass eine Eskalationsspirale vermieden wird und Russland den Handelskonflikt nicht intensiviert.

Gegner der Sanktionen argumentieren, dass Russland deren Folgen  verschmerzen kann. Schließlich handelt es sich um eines der rohstoffreichsten Länder, und Moskau verfügt  über immense Devisenreserven. Das Haushaltsdefizit ist gering, die Staatschulden ebenfalls. Hat Russland nicht genügend finanziellen Spielraum, um gelassen auf die Sanktionen zu reagieren?

Die russische Regierung hat sicherlich etwas Spielraum. Das ändert aber nichts daran, dass die Volkswirtschaft sehr stark sowohl auf westliche Finanzquellen als auch auf westliche Spitzentechnologie angewiesen ist, beispielsweise bei der Ölförderung. Diese Abhängigkeiten wird der Staat kaum kompensieren können.

Werden die Sanktionen auf die Konjunktur in Deutschland zurückwirken?

Die Sanktionen werden mit Sicherheit Folgen für die deutsche und die europäische Wirtschaft haben. Erste Konsequenzen kann man bei den Exporten nach Russland und an den Aktienmärkten sehen. Doch niemand kann genau beziffern, wie sich die Sanktionen in den kommenden Monaten auf die Eurozone auswirken. Fest steht, dass einzelne Sektoren – beispielsweise bestimmte Maschinenbauer – stark betroffen sind. Doch der entscheidende Punkt ist, welche Folgen die Finanzsanktionen haben. Es könnte an Russlands Kapitalmärkten zu Verwerfungen kommen, die dann auf die EU überschwappen könnten – mit ungewissen Konsequenzen.

Und die Konjunktur in der Eurozone ist derzeit anfällig …

Ja. Die Eurozone hat gerade erst die Rezession überwunden. Viele der schwächeren Euro-Volkswirtschaften können sehr leicht wieder in die  Rezession abgleiten. Das Risiko ist da, doch können wir keine seriöse Prognose abgeben. Wir wissen nicht, ob das Wachstum um 0,1 oder 0,2 Prozentpunkte geringer ausfällt – oder deutlich kräftiger zurückgeht. Viel hängt davon ab, was Russland tun wird.  Doch ganz entscheidend wird die Reaktion der Finanzmärkte sein.

 

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