Europa EZB Geld- und Finanzmärkte

Die EZB-Politik hilft uns

Dieser Artikel wurde erstmals als Gastbeitrag im Handelsblatt vom 20. August 2014 veröffentlicht.

Die Kritik in Deutschland an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist stetig gewachsen: Sie berücksichtige nur die Interessen der europäischen Krisenländer. Und sie schade Deutschland, da sie Risiken umverteilen und für dessen gut laufende Wirtschaft zu expansiv sei. Damit werden antieuropäische Ressentiments bedient, frei nach dem Motto „Was gut für Europa ist, muss schlecht für Deutschland sein“. Die neuesten Zahlen einer schrumpfenden Wirtschaft und steigende Disinflation in Deutschland sollten uns dies kritisch hinterfragen lassen, denn sie zeigen, dass eine expansive Geldpolitik sehr wohl im besten Interesse Deutschlands ist.

Viele der unkonventionellen Maßnahmen der EZB sind darauf gerichtet, die Kreditklemme in Südeuropa zu beheben. Indem sie diesen Volkswirtschaften hilft, profitiert indirekt auch die deutsche Wirtschaft durch eine höhere Nachfrage und mehr Stabilität. Aber die deutsche Wirtschaft profitiert auch direkt von der Geldpolitik. Diese reduziert die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Abschwächung der deutschen Wirtschaft und die Gefahr einer Deflation. Das Argument, eine nur auf Deutschland ausgerichtete Geldpolitik würde gegenwärtig einen sehr viel höheren Leitzins setzen, ist falsch. Die Inflationsrate in Deutschland liegt mit 0,8 Prozent viel zu niedrig und wird dies auf mittlere Frist wohl auch bleiben. Die Volkswirtschaft hat noch immer eine positive Produktionslücke und könnte ein deutlich höheres Wachstum erreichen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen, und dazu gehört auch eine expansive Geldpolitik.

Es ist richtig, dass die Geldpolitik der EZB große Risiken birgt und dass nicht alle ihrer Maßnahmen erfolgreich waren. Die Sorge über die hohen Kosten für den deutschen Sparer ist berechtigt. Jedoch ist es nicht die Folge der Geldpolitik, sondern das Resultat der tiefen wirtschaftlichen Krise in Europa, die ja gerade von der Geldpolitik bekämpft wird. Richtig ist auch, dass die großzügigen EZB- Kredite an Banken zu Blasen bei Vermögenspreisen und Fehlallokationen führen. Dieses Risiko müssen Zentralbanken sehr viel ernster nehmen, als sie das in der Vergangenheit getan haben. Gleichzeitig ist aber nicht jeder Anstieg von Vermögenspreisen schädlich. Immobilienpreise steigen, weil viele deutsche Sparer ein Eigenheim erwerben. Dies ist prinzipiell zu begrüßen, da sie dadurch Vermögen aufbauen können.

Niedrige Zinsen haben dem deutschen Staat große Einsparungen gebracht – die Bundesbank schätzt diese auf 120 Milliarden Euro seit 2007. Damit kauft die Geldpolitik nicht nur den Krisenländern Zeit für Reformen, sondern erlaubt es auch dem deutschen Staat, öffentliche Ausgaben zu finanzieren, ohne Steuern erhöhen zu müssen. Zwar darf es nicht Aufgabe der Geldpolitik sein, dem Staat günstige Finanzierungsbedingungen zu garantieren. Kurzfristig wurde jedoch eine noch tiefere Krise in Europa verhindert.

Jede Zentralbank muss wie ein Risikomanager denken und handeln. Die drängende Frage für die EZB ist nicht, ob ihre Geldpolitik für Deutschland angemessen ist. Vielmehr muss sie fragen, wie viel Gewicht sie den kurzfristigen und wie viel sie den langfristigen Risiken für Preisstabilität, Wachstum und Finanzstabilität beimessen will. Wie Axel Weber im Handelsblatt vom 15. August zu Recht argumentiert, sollten Zentralbanken in Zukunft mehr Gewicht auf die langfristigen Risiken für die Finanzstabilität legen.

Die kurzfristigen Risiken einer erneuten Vertiefung der Krise und einer abnehmenden Verankerung der Inflationserwartungen sind heute jedoch enorm. Finanzmarktakteure und Unternehmer trauen der EZB zunehmend weniger zu, die Preisstabilität im Euro-Raum zu gewährleisten. Die EZB musste und muss deshalb weiter handeln – nicht nur, um ihrem Mandat gerecht zu werden, sondern auch, um ihre Glaubwürdigkeit zu verteidigen.

Die Kritik an der Geldpolitik der EZB in Deutschland vernachlässigt die mit Deflation und Stagnation einhergehenden Risiken. Die neuen Wachstums- und Inflationszahlen für Deutschland sollten ein Weckruf zum Überdenken der Kritik und für ein offeneres, pragmatischeres Engagement für Europa und seine Geldpolitik sein. Die deutsche Wirtschaft profitiert von der expansiven Geldpolitik. Diese bedeutet mehr Wachstum und Stabilität und damit mehr Wohlstand in Deutschland, kurzfristig wie langfristig.

 

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