Wirtschaftspolitik

Was Flüchtlinge kosten

Gastbeitrag von Marcel Fratzscher und Simon Junker in „Die Welt“ vom 6. November 2015.

Die hohe Anzahl von Flüchtlingen weckt in Teilen der Bevölkerung Ängste, Deutschland würde wirtschaftlich einen Schaden nehmen und sei finanziell überfordert. Beides ist grundfalsch. Wir haben auf absehbare Zeit hohe Überschüsse in den öffentlichen Kassen. Der kurzfristigen Perspektive – den zweifelsohne enormen Kosten der kommenden Jahre – muss man vor allem aber die langfristigen wirtschaftlichen Vorteile der Zuwanderung gegenüberstellen. Kurzum: Wir brauchen eine sachlichere und weniger emotionale Debatte in Deutschland. Als in der 31. Minute des WM-Finales 2014 Christoph Kramer verletzt ausscheiden musste, stand der Bundestrainer vor der schwierigen Aufgabe, ihn zu ersetzen. Außer Frage stand, einen Ersatzspieler einzusetzen. Denn auch wenn der eingewechselte Mann zu den schwächsten Spielern zählen sollte, entlastet er die anderen. Die Mannschaft funktioniert so besser als Team, und dies erhöht die Erfolgschancen. Ganz ähnlich ist es mit den Flüchtlingen in Deutschland: Viele haben vergleichsweise geringe Qualifikationen, sind jedoch trotzdem eine Verstärkung des Teams.

Manche Ökonomen konzentrieren sich zu stark auf die Kosten der Flüchtlinge für den Staat – und zwar auf die Transferleistungen, die von den Flüchtlingen über die Jahre bezogen werden, abzüglich der von ihnen gezahlten Steuern und Abgaben. Selbst ein Flüchtling, der einen Arbeitsplatz findet, aber aufgrund einer geringen Qualifikation nur ein niedriges Einkommen erzielt, kann ein Nettoempfänger von staatlichen Transferleistungen sein. Ist deshalb dieser Flüchtling ein “Verlustgeschäft”, wie mitunter gemeint wird? Wären gesamtwirtschaftliche Kosten und Nutzen eines Arbeitnehmers tatsächlich nur durch staatliche Transfers und Steuern bestimmt, dann wäre auch fast die Hälfte aller Deutschen heute ein wirtschaftliches “Verlustgeschäft” für unser Land. Eine solche Betrachtungsweise ist bestenfalls Unfug und schlimmstenfalls Populismus.

Vielmehr muss der Beitrag eines Arbeitnehmers zur Wirtschaftsleistung und zum Wohlstand des gesamten Landes hinzugerechnet werden. Auf der Angebotsseite stärkt ein Arbeitnehmer – ähnlich wie der Ersatzspieler seine Fußballmannschaft – die Leistungsfähigkeit seines Arbeitgebers und die seiner Kollegen. Dies bedeutet höhere Einkommen für die Arbeitnehmer in ihrer Gesamtheit und höhere Erträge für den Arbeitgeber. Das wiederum macht sich beim Staat durch höhere Einnahmen bemerkbar. Auf der Nachfrageseite schaffen der zusätzliche Konsum der Flüchtlinge und die für sie angestoßenen Investitionen wirtschaftliche Impulse und letztlich ebenfalls Einkommen für alle. Auch dies erhöht die Steuereinnahmen und somit die Leistungsfähigkeit des Staates.

Eine neue Studie des DIW Berlin zeigt, dass die Ausgaben für die Flüchtlinge in den ersten Jahren eine massive Belastung für Staat und Gesellschaft darstellen, die eine gewisse Zeit lang den wirtschaftlichen Mehrwert, der durch Flüchtlinge geschaffen wird, übertreffen. Die Studie zeigt jedoch auch, dass dieser Mehrwert die Ausgaben für die Flüchtlinge nach einer Übergangsperiode übertreffen wird – selbst unter sehr pessimistischen Annahmen. Eine zweite wichtige Botschaft der Studie ist, dass durch die Flüchtlinge, die in eine Beschäftigung kommen, auch das Pro- Kopf-Einkommen der bereits in Deutschland lebenden Menschen steigen wird. Wie in einer Fußballmannschaft also wird das gesamte Team profitieren. Kurzum: Längerfristig sind die Flüchtlinge ein Gewinn, zumal infolge der demografischen Entwicklung der Wirtschaft künftig Arbeitskräfte fehlen könnten. Das gilt nicht nur für Fachkräfte. Auch einfache Arbeit muss getan werden – man denke nur an Hilfstätigkeiten im stark wachsenden Gesundheits- und Pflegebereich. Wir benötigen dringend einen Perspektivwechsel in der Debatte. Wir sollten die zweifelsohne massiven Ausgaben für Flüchtlinge in den ersten Jahren als Investitionen nicht nur in die Zukunft der Flüchtlinge, sondern in die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft verstehen. Denn je schneller uns die Integration gelingt, desto schneller der volkswirtschaftliche Nutzen.

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