Ungleichheit Wirtschaftspolitik

Wohlstand für wenige

Dieser Gastbeitrag von Marcel Fratzscher erschien am 19. März 2016 auf FAZ.NET und ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Verteilungskampf – Warum Deutschland immer ungleicher wird“.

Die Ungleichheit in Deutschland ist hoch. Das gefährdet den Wohlstand künftiger Generationen. Mehr Staat oder mehr Steuern sind nicht die Rettung. Sondern: Mehr Chancen. 

Das Erhardsche Ziel „Wohlstand für alle“ ist heute nurmehr eine Illusion. Deutschlands soziale Marktwirtschaft, wie wir sie über sieben Jahrzehnte gekannt haben und in der die soziale Sicherung aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet war, existiert nicht mehr. In der deutschen Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt – wirklichen marktwirtschaftlichen Wettbewerb gibt es immer weniger.

Die neue deutsche Marktwirtschaft zeigt ihr wahres Gesicht in einer stark zunehmenden Ungleichheit. In kaum einem Industrieland der Welt sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland. Diese Ungleichheit stellt nicht nur ein gesellschaftliches, sondern ein massives wirtschaftliches Problem dar. Sie schwächt unser Wachstum, verhindert mehr Investitionen und bessere Jobs. Dieser Schaden ist eine Realität, die Deutschland vor riesige Herausforderungen stellt.

Deutschland, das Land der Ungleichheit

Als Erstes zeigt sich das „Vermögens-Puzzle“: Deutschland ist ein reiches Land, mit einem Pro-Kopf-Einkommen, das zu den höchsten der ganzen Welt gehört. Und Deutschland ist Sparweltmeister – in kaum einem Industrieland sparen sowohl Bürger als auch Unternehmen einen so hohen Anteil ihres Einkommens.

Das Vermögen vieler Deutscher ist jedoch erheblich niedriger als das ihrer Nachbarn. Es zählt zu den niedrigsten in ganz Europa und ist weniger als halb so groß wie das anderer Europäer. Zum Vermögen zählen Geldvermögen, Finanzanlagen, Immobilien, Wertsachen, Versicherungen und Betriebsvermögen. Ihr Wert ist in den Portfolios vieler deutscher Bürger in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Wie passen diese Fakten zusammen? Wie kann es sein, dass in einem Land, das wirtschaftlich so erfolgreich und stark ist, die Menschen über so wenig Vermögen und private Absicherung verfügen? Wie kann es sein, dass die Menschen in Deutschland mehr verdienen und mehr sparen als viele Nachbarn, aber dennoch weniger Vermögen aufbauen?

Gleichzeitig sind die Vermögen höchst ungleich verteilt. In keinem anderen Land der Eurozone ist die Vermögensungleichheit höher. Die ärmere Hälfte unserer Bevölkerung verfügt praktisch über gar kein Nettovermögen. Falls die Menschen Vermögenswerte besitzen, sind Schulden und andere Verpflichtungen fast ebenso groß. Aber auch an der Spitze der Vermögenspyramide ist Deutschland extremer als seine Nachbarn: In kaum einem Land in Europa besitzen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung größere Vermögenswerte. Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland fast genauso groß wie in den Vereinigten Staaten.

Das zweite Puzzle ist das „Einkommens-Puzzle“. Nicht nur bei den Vermögen, auch bei Löhnen und Einkommen ist das „Soziale“ der deutschen Marktwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen im Land klafft immer weiter auseinander. Rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer musste zusehen, wie ihre Löhne in den vergangenen 15 Jahren an Kaufkraft verloren.

Die Ungleichheit bei Löhnen, Markteinkommen und verfügbaren Einkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen. Nach 2005 wurde dieser Anstieg durch die starke Zunahme der Beschäftigung zwar gebremst. Hohe Erträge erzielten in Deutschland aber vor allem solche Bürger, die große Betriebs- oder Finanzvermögen einsetzen konnten.

Das dritte Puzzle ist das „Mobilitäts-Puzzle“. Menschen mit niedrigem Einkommen und einem geringen Vermögen schaffen es ungewöhnlich selten, sich finanziell deutlich zu verbessern und „sozial aufzusteigen“. Ein ähnliches Beharrungsvermögen findet sich bei den hohen Einkommen und großen Vermögen: Wer es einmal geschafft hat, ein gutes Einkommen und hohes Vermögen zu erreichen, hat in Deutschland viel größere Chancen als in anderen Ländern, diese Position auch beizubehalten.

Diese geringe Mobilität wirkt auch über Generationen hinweg: In kaum einem anderen Land beeinflusst die soziale Herkunft das eigene Einkommen so stark wie in Deutschland. In kaum einem anderen Land bleibt Arm so oft arm und Reich so oft reich – über Generationen hinweg. Die Hälfte des Einkommens eines Arbeitnehmers in Deutschland wird durch das Einkommen und den Bildungsstand der Eltern bestimmt. Kinder reicher Eltern dürfen also nicht nur auf große Erbschaften oder Schenkungen hoffen, sie haben auch deutlich bessere Chancen, selbst ein überdurchschnittliches Arbeitseinkommen zu erzielen. Kinder aus einkommens- und vermögensschwachen Haushalten schaffen es nur selten, sich deutlich besserzustellen als die Eltern. Diese bereits geringe Mobilität hat in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch abgenommen.

Einer der größten Verlierer dieser Entwicklung ist die deutsche Mittelschicht. Es sind die Menschen in der Mitte der Gesellschaft, deren Jobs in Gefahr sind, deren Löhne schrumpfen, die nur geringe Möglichkeiten haben, Vorsorge zu betreiben und Vermögen aufzubauen. Es sind die Menschen, die bislang das Rückgrat einer jeden Wirtschaft und Gesellschaft bilden – auch unserer.

Die Ungleichheit in Deutschland hat viele Gesichter. Frauen, Bewohner ländlicher Regionen, Ostdeutsche, Migranten, Menschen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien, Alleinerziehende, Alte und Kinder – sie alle sind deutlich schlechter gestellt. Deutschland ist schon lange kein Land mehr, das „Wohlstand für alle“ bietet. Aus dem „Wohlstand für alle“ ist ein „Wohlstand für wenige“ geworden.

Warum ist Ungleichheit ein Problem?

Aus ökonomischer Perspektive ist Ungleichheit in Einkommen oder Vermögen erst einmal weder gut noch schlecht. Viele Menschen empfinden Ungleichheit als einen Mangel an Gerechtigkeit. Andere halten Ungleichheit für ein gerechtes Resultat von über- oder unterdurchschnittlicher Leistung oder schlicht für natürlich gegeben. Jeder Mensch hat ein anderes Verständnis davon, wie eine gerechte Verteilung aussehen sollte.

Eine Marktwirtschaft muss Erfolg honorieren, so dass Menschen den Lohn für ihre Mühen ernten können. Dies führt zwar zu einer ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen, setzt jedoch wichtige Anreize für andere, den gleichen oder einen ähnlichen Weg zu gehen, um somit auch den Wohlstand der gesamten Gesellschaft zu vermehren.

Ungleichheit wird zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem, wenn sie nicht mehr die freien Entscheidungen der Bürger widerspiegelt, sondern eine marktwirtschaftliche Ordnung, in der viele Menschen ihre Talente nicht nutzen können und kein fairer Wettbewerb herrscht. In einem solchen Land werden die Produktivität und das Wachstum der Volkswirtschaft geschwächt. Die OECD schätzt, dass durch den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren die deutsche Wirtschaftsleistung heute um 6 Prozent geringer ist.

Diese Ungleichheit erhöht die Armut. Sie lässt die soziale und politische Teilhabe im Land schwinden und auch die Vorsorge der Menschen. Sie verschlechtert die Gesundheit und dämpft die Lebenszufriedenheit, verstärkt die Abhängigkeit vieler Bürger vom Staat und liefert Zündstoff für zunehmende soziale Konflikte. Keine Demokratie hat das Ziel, allen Menschen gleiche Vermögen, Einkommen und Beschäftigung – also den gleichen Output – zu garantieren. Aber jede Demokratie will Chancengleichheit bieten. Ungleichheit wird dann zum sozialen Problem, wenn sie Chancen und soziale Teilhabe einschränkt. Wenn sie dann noch die politische Teilhabe reduziert, wird sie zur Gefahr für die Demokratie selbst.

Hohe Ungleichheit provoziert einen harten Verteilungskampf innerhalb einer Gesellschaft, der den Wohlstand verkleinert. Dieser Verteilungskampf zeigt sich in vielen Aspekten – beispielsweise in einer übermäßigen Lobbyaktivität, der enormen Bedeutung spezifischer Interessenvertretungen, und einer ineffizienten Wirtschaftspolitik. Der Konflikt bindet produktive Kräfte, die dann nicht der Erhöhung des gemeinsamen Wohlstands zur Verfügung stehen.

Deutschlands Problem ist aber nicht, dass der Staat heute nicht genug umverteilt. Er verteilt tendenziell eher zu viel um. Steuern und Abgaben sind außergewöhnlich hoch im internationalen Vergleich. Mehr Umverteilung ist keine Lösung. Im Gegenteil: Der deutsche Staat sollte eher weniger umverteilen, dafür aber die Umverteilung effizienter gestalten, um die wirklich Bedürftigen zu erreichen. Die Verteilungspolitik in Deutschland ist sehr ineffizient und schafft es zu selten, der Gesellschaft und Wirtschaft als Ganzes zu nutzen. Ein großer Teil der Umverteilung heute geschieht im Interesse und zum Nutzen einiger weniger. Viel zu viel wird heute von Bessergestellten zu den gleichen Bessergestellten umverteilt.

Die größte Schwäche und das größte Scheitern der deutschen Politik und Gesellschaft aber ist es, dass wir es nicht schaffen, eine bessere Chancengleichheit für die Menschen zu gewährleisten. „Wirtschaftliche Freiheit“ ist unter solchen Bedingungen nicht viel mehr als eine leere Worthülse und das Privileg einer immer kleineren wirtschaftlichen und sozialen „Elite“. Das Schicksal vieler Deutscher ist bereits im Kindesalter besiegelt. Den schwächsten 40 Prozent der Deutschen wird die Chance genommen, ihr wirtschaftliches Schicksal selbst bestimmen zu können.

Die Flüchtlingskrise als Verteilungskampf

Teile der deutschen Gesellschaft fühlen sich heute schon von positiven Wirtschafts- und Wohlstandsentwicklungen abgehängt. Und die Abstiegsangst vieler Menschen steigt angesichts der riesigen Zahl von Flüchtlingen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen. Allein im Jahr 2015 kamen weit mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Viele Menschen im Land sorgen sich, dass sie selbst kürzertreten müssen, wenn den Flüchtlingen geholfen wird, und dass wir es „nicht schaffen können“, die finanziellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Belastungen zu stemmen – zumindest nicht ohne auf staatliche Leistungen zu verzichten, Steuern zu erhöhen und möglicherweise geringere Löhne und Einkommen. Sie haben Angst vor einer weiteren Eskalation des Verteilungskampfes. Ein Teil der Politik und der Medien inszeniert nun einen Verteilungskampf zwischen der „Altbevölkerung“ und den „Flüchtlingen“, nach dem Motto: Wir haben kein Geld, um unser Bildungssystem oder unsere Infrastruktur zu verbessern, weil wir Flüchtlinge versorgen müssen. Wahr ist jedoch: Die Schwächen in unserem Bildungssystem und unserer Infrastruktur haben mit den Flüchtlingen nichts zu tun. Denn diese Schwächen haben wir schon seit vielen Jahren.

Dieser Verteilungskampf verstärkt sich schon heute durch eine Wirtschaftspolitik, die immer stärker darauf ausgerichtet ist, Einkommen, Vermögen und Privilegien den einflussreichsten gesellschaftlichen Gruppen zuzuteilen, ohne das langfristige Interesse der Gesellschaft als Ganzes zu wahren. Je kleiner der Kuchen wird, der zu verteilen ist, desto größer der Kampf, die eigenen Interessen und Anteile zu verteidigen. Liefe die Entwicklung so weiter, wäre das Resultat am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger Leistungsfähigkeit und weniger Wohlstand für Deutschland und seine Menschen.

Die Ungleichheit hat in Deutschland bereits heute ein Maß angenommen, das gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Schaden anrichtet. Dieser Schaden betrifft nicht „nur“ die mit den geringsten Einkommen, Vermögen und Chancen, er verursacht Kosten, die alle tragen müssen. Wenn Menschen nicht die Chance haben, ihre Fähigkeiten und Talente zu entwickeln und einzubringen, entgeht dem ganzen Land ihr hohes Potential für die Wirtschaft und für die Gesellschaft. Steigt die Chancengleichheit, so profitiert nicht nur der Mensch, der seine Fähigkeit nutzen kann. Es profitieren auch die Unternehmen und alle anderen Bürger, denn höhere Chancengleichheit schafft besser qualifizierte und motiviertere Arbeitnehmer, erhöht die Mobilität der Arbeitnehmer und die Kaufkraft der Konsumenten, sie verbessert die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und sichert das Funktionieren der Gesellschaft und Demokratie.

Mehr Chancengleichheit braucht das Land

Das führt zu zwei zentralen Schlussfolgerungen. Die erste: Ein Bekämpfen der Ungleichheit und ihrer Auswirkungen liegt im Interesse aller, nicht nur einiger weniger. Zweitens: Die fehlende Chancengleichheit ist Deutschlands größtes Problem. Es ist höchst ineffizient und kontraproduktiv, Menschen ihrer Chancen und Möglichkeiten zu berauben, damit der Staat dann über Steuern und Sozialleistungen versucht, einen Teil dieses durch den Raub entstandenen Schadens wieder auszugleichen. Und: Freiheit hat keinen finanziellen Preis. Keine Leistung des Staates kann eine fehlende Chancengleichheit kompensieren.

Statt wie so oft in der Ungleichheitsdebatte unser Augenmerk auf eine höhere Umverteilung über Steuern und Sozialleistungen zu legen – etwa mit Reichensteuern, Mütterrenten und Ähnlichem -, benötigen wir in Deutschland ein fundamentales Umdenken: eine Kehrtwende, bei der die Anstrengungen darauf abzielen, die Chancenungleichheit zu minimieren, die Chancen zu maximieren. Dies würde zu weniger Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen führen. Die Markteinkommen würden steigen, einige staatliche Interventionen würden überflüssig. Es würde langfristig den Staat kleiner, effizienter und fokussierter machen. Gleichzeitig würde dieser Staat seine Verantwortung vor allem gegenüber den Schwächsten gerechter werden. Und es würde den Kuchen für alle größer machen: Das Wirtschaftswachstum würde steigen und damit auch der Wohlstand – dann aber wieder für alle und nicht nur für wenige.

Mein Buch diskutiert unterschiedliche Bereiche der Wirtschaftspolitik und analysiert, welche der existierenden politischen Maßnahmen sinnvoll und welche schädlich sind. Viele der Maßnahmen sind höchst ineffizient und führen zu keiner echten Umverteilung. Sie erfüllen lediglich ein verqueres Verständnis von der Rolle, die ein Staat spielen sollte. Ein viel stärkeres Augenmerk muss auf Maßnahmen gelegt werden, die Menschen Freiheit geben, ihre Talente zu entwickeln und Chancen zu nutzen. Der Grundstein hierfür wird in den ersten Lebensjahren gelegt. Viel mehr Gewicht und Anstrengungen müssen deshalb auf die Förderung und Bildung im frühkindlichen und Primärbereich gelegt werden. Aber auch die Gleichstellung von Mann und Frau muss weiter vorangetrieben werden. Nicht, weil es verschiedenen Ideologien zufolge das Richtige ist. Sondern, weil alle profitieren.

Deutschland steht an einem Wendepunkt. In einer immer globaleren Welt werden wir unsere führende Position und unseren Wohlstand nur dann behaupten können, wenn wir unser allerwichtigstes Kapital pflegen und hegen, und dies sind die Menschen. Nur wenn die Politik die Herausforderung annimmt, eine höhere Chancengleichheit zu schaffen, wird Deutschland seinen Wohlstand auch für seine Kinder und Enkelkinder bewahren können. Nur dann kann aus dem „Wohlstand für wenige“ wieder ein „Wohlstand für alle“ werden und vor allem auch „mehr Wohlstand“. Dass wir als Gesellschaft daran scheitern, ist ein Problem. Für uns alle.

Ein Kommentar

  1. Erschreckende Erkenntnisse! Es stimmt aber optimistisch, dass anerkannte Fachleute diese, zum Himmel schreienden Entwicklungen, mittlerweile laut kund tun.

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