Statement zum Faktencheck des IW Köln zum Thema Ungleichheit

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Ich freue mich, dass das IW Köln sich zu der wichtigen und immer bedeutenderen Diskussion zur Ungleichheit in Deutschland äußert. Es ist vor allem auch wichtig, eine intensive Diskussion über die Ungleichheit der Markteinkommen zu führen, die in Deutschland im internationalen Vergleich hoch ist, denn diese sind die zentrale Säule der sozialen Marktwirtschaft, in der ein jeder für sich „Verantwortung“ übernehmen kann.

Es ist irreführend, die Ungleichheit heute mit der zum historischen Höhepunkt im Jahr 2005 zu vergleichen. Dass die Ungleichheit in Deutschland trotz Beschäftigungswunder und Wirtschaftsboom seit 2005 nicht weiter gestiegen ist, ist kein Erfolg, sondern eher enttäuschend. Tatsache ist, dass die Einkommensungleichheit der heute unter 40-Jährigen mehr als doppelt so hoch ist, wie die der unter 40-Jährigen in den 1970er Jahren.

Die Daten der EZB zeigen, dass Deutschland mit die höchste Ungleichheit bei Vermögen im Euroraum hat. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich an dieser Tatsache nichts Grundlegendes ändert, wenn man für verschiedene Determinanten korrigiert. Das IW bestreitet diese Zahlen, ohne einen schlüssigen Beweis für seine These anzuführen.

Unbeachtet bleibt in der Studie auch die Tatsache, dass die unteren 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland heute praktisch kein Nettovermögen haben und damit auch nicht selber Vorsorge betreiben können. Nicht nur sind Rentenanwartschaften keine Vermögen, sondern sie ändern auch nichts Grundlegendes an der hohen Ungleichheit in Deutschland.

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Marcel Fratzscher

Autor: Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin. / Marcel Fratzscher is President of the German Institute for Economic Research (DIW Berlin) and Professor of Macroeconomics and Finance at the Humboldt University in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Dass die Ungleichheit bzw. soziale Spaltung auch in Deutschland seit Jahren zunimmt, und mittlerweile auf einem inakzeptablen Niveau angelangt ist, dürfte wohl unstrittig sein. Lediglich dort, wo dieses Ergebnis politisch nicht gewünscht wird, wird versucht, dagegen zu argumentieren, indem i.d.R. die Zahlenbasis bestritten wird. U.a. auch von „namhaften“ Wirtschaftswissenschaftlern (nicht nur von IW und IFO) – wird immer wieder versucht, die Zahlenbasis anzugreifen bzw. zu relativieren! Erst kürzlich hat Herr Hüther vom arbeitgebernahen IW diese Zahlentrickserei wieder eindrucksvoll in der Zeit demonstriert (http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-09/ungleichheit-einkommen-schere-deutschland-verteilung-studie ), indem er einfach mal den Zeitraum 2009-2013 willkürlich herausgegriffen hat! Aber auch die Welt, die ja kürzlich die wachsende Ungleichheit noch als Märchen abgetan hatte, reiht sich ein in diese Riege der Zahlenakrobaten, jüngst mit dem Artikel „Der wahre Spaltpilz der amerikanischen Gesellschaft“:
    http://www.welt.de/wirtschaft/article157451200/Der-wahre-Spaltpilz-der-amerikanischen-Gesellschaft.html
    Dort werden willkürlich die Jahre 2007 und 2015 herausgegriffen und für diesen Zeitraum eine weitere Vergrößerung der Einkommensungleichheit zwischen den obersten 1% der Einkommenspyramide und den restlichen 99% in den USA bestritten.
    Bei einer weiter zurückreichenden Langfristbetrachtung kommt man jedoch zu ganz anderen Ergebnissen:
    US real income growth 1993-2015: +94.5% for top 1%; +14.3% for the rest. Top 1% captured 52% of income growth, rest 48% (Quelle: http://eml.berkeley.edu/~saez/saez-UStopincomes-2015.pdf …)
    Noch extremer wird die Entwicklung der Ungleichheit, wenn man nicht das Einkommen, sondern das Vermögen betrachtet bzw. wenn man nicht die top 1% sondern die top 0,1% der Einkommenspyramide zum Vergleich heranzieht. Und ähnlich sieht es auch in Deutschland aus.
    Aber das hören die Leugner der Einkommens- bzw. Vermögensungleichheit nicht so gerne!
    Was ist zu tun?
    1. Die Politik überzeugen, dass die Themen Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit endlich umfassend anzugehen sind.
    2. Diejenigen in die Ecke stellen, die die Thematik mit Floskeln wie „den anderen Leuten in die Taschen greifen“ aushebeln wollen. Die „anderen Leute“ sind die Superreichen, häufig auch durch „unverdiente“ Erbschaften reich geworden, die sich angemessene Beiträge zur sozialen Gerechtigkeit locker leisten können – und manche von ihnen auch gerne leisten wollen!
    3. Die Medien kritisieren bzw. meiden, wenn sie, wie meist, die Parolen der Leugner der Ungleichheit verstärken!
    Und: die nächsten Wahlen stehen vor der Türe!
    http://youtu.be/0zSclA_zqK4
    Was sagt der Bundestag?
    http://youtu.be/QGOx8I0COYg

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