Plötzlich ohne Partner

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Dieser Beitrag ist am 17. November 2016 im Handelsblatt erschienen und ist auf Handelsblatt.com als Premium-Content verfügbar.

Nach dem Schock kam die Überraschung: Die Finanzmärkte reagierten positiv auf die Wahl Donald Trumps zum US Präsidenten. Die Aktienmärkte und der US-Dollar legten zu und fielen nicht – wie allgemein befürchtet – ins Bodenlose. Was sagt uns dies über die Auswirkungen für die Wirtschaft? Und was sind mögliche wirtschaftspolitische Szenarien, auf die wir uns in Deutschland werden einstellen müssen?

Zuerst einmal lässt sich festhalten, dass die versprochenen Wirtschaftspolitiken der beiden Kandidaten Trump und Clinton erstaunlich ähnlich sind. Beide hatten eine expansive Fiskalpolitik durch ein massives Investitionsprogramm, vor allem in die veraltete Infrastruktur, wie auch mehr wirtschaftlichen Protektionismus versprochen. Sicherlich war Trump aggressiver in seinen Forderungen, die auch Steuersenkungen, Deregulierung und eine restriktivere Geldpolitik beinhalteten.

Die Frage ist nun, ob und wie Trump diese Wirtschaftspolitik wird umsetzen wollen und können. Drei wirtschaftspolitische Szenarien sind vorstellbar. Das erste Szenario ist eines, in der der Protektionismus im Vordergrund steht. Die Sorge ist weniger, dass Trump die Freihandelsabkommen TTIP und TPP nicht umsetzen wird, sondern dass er durch den zum Scheitern verurteilten Versuch, Industriejobs aus dem Ausland in die USA zurückzubringen, neue schädliche Handelsbarrieren schafft.

Mindestens genauso stark wären jedoch die Investitionen deutscher und europäischer Unternehmen in den USA gefährdet. Sanktionen und Strafaktionen wie der USBehörden gegen die Deutsche Bank könnten sich wiederholen und damit auch die Stellung europäischer Unternehmen im weltweit wichtigsten Markt empfindlich schwächen. Dieses erste Szenario würde der Weltwirtschaft massiven Schaden zufügen. Es ist aber auch das unwahrscheinlichste, denn die USA haben eine starke Demokratie mit einem mächtigen Kongress, der unter einem schwachen Präsidenten Trump weiter an Gewicht gewinnen wird – zumal die Republikaner traditionell offenen Märkten und freiem Handel positiver gegenüberstehen als die Demokraten. Wahrscheinlicher ist daher ein zweites Szenario, bei dem die expansive Fiskalpolitik im Vordergrund steht und ein kurzfristiges “Konjunkturstrohfeuer” anfachen wird. Massive Investitionen in Infrastruktur und Steuersenkungen würden zwar kurzfristig das Wachstum stärken, die Arbeitslosigkeit senken und der Weltwirtschaft einen merkbaren Impuls geben.

Ein solches Strohfeuer wäre aber kaum von Dauer. Ähnlich wie unter Ronald Reagan Anfang der 1980er-Jahre würde dies einen massiven Anstieg der Staatsverschuldung und des US-Dollars verursachen. Die US-Notenbank würde gedrängt, eine restriktive Geldpolitik zu fahren.

Globale Ungleichgewichte von Handelsbilanzen, Währungen, Kapitalströmen und Schulden würden sich nochmals verschärfen. Eine solche Wirtschaftspolitik würde letztlich die Risiken einer erneuten globalen Finanzkrise deutlich erhöhen.

Anfang der 1970er-Jahre drohte der US-Finanzminister: “Unsere Währung, euer Problem.” Die Politik Reagans und der starke US-Dollar trugen Anfang der 1980er-Jahre entscheidend zur großen Finanzkrise in Lateinamerika bei. Finanzmärkte und Produktionsketten sind heute global sehr viel stärker integriert und damit die Risiken für Finanzstabilität bedeutend höher. Unter diesem zweiten Szenario würden wir uns also auf sehr viel mehr Risiken und Unsicherheiten auch in Deutschland einstellen müssen.

Das dritte und wirtschaftlich wohl positivste Szenario ist eines, bei dem ein Präsident Trump schnell zur “lame duck” wird. Aber auch unter diesem Szenario wird Europa ein wichtiger wirtschaftspolitischer Partner abhandenkommen, was die dringend notwendigen Reformen in Europa weiter verzögern könnte.

Bei Themen der Krisenbewältigung, über internationale Finanzarchitektur bis hin zur Öffnung von Märkten, vor allem Chinas, haben die USA und Europa in den vergangenen Jahrzehnten meist an einem Strang gezogen. In dieser Partnerschaft hat ein wenig koordiniertes Europa vor allem von den USA profitiert. Auch deshalb wird Asien als globale Wachstumslokomotive für uns an Bedeutung gewinnen, und es wäre klug, wenn Europa sich auch strategisch stärker nach Asien orientieren würde.

Für Europa, dass noch immer mitten in einer tiefen Krise steckt, sind vier verlorene Jahre wirtschaftlich deutlich schädlicher als für die USA. Die US-Wahlen haben drei wirtschaftspolitische Lehren für Europa dringender denn je gemacht: Europa muss sich endlich einigen und seine Institutionen reformieren, es benötigt ein ähnliches Investitionsprogramm wie die USA, um die Wirtschaftskrise zu beenden, und es selbst muss sich mehr zur Welt und vor allem zu Asien öffnen.

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Marcel Fratzscher

Autor: Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin. / Marcel Fratzscher is President of the German Institute for Economic Research (DIW Berlin) and Professor of Macroeconomics and Finance at the Humboldt University in Berlin.

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