Außenwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen Europa

Der Euro war ein Geschenk!

Dieser Text wurde am 19. Februar als Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht.

Wie würden Sie die folgende Frage beantworten: War die deutsch-deutsche Währungsunion vom 1. Juli 1990 ein Erfolg? Viele würden diese Frage für sinnlos halten. Denn die Einführung der D-Mark in Ostdeutschland war natürlich die prinzipiell richtige Entscheidung, auch wenn sich über ihre Ausgestaltung streiten lässt. Ist die europäische Währungsunion ein Erfolg? Viele, vor allem in Deutschland, machen den Euro gerne zum Sündenbock für Europas Probleme. Wir Deutschen sollten jedoch ehrlich sein und zugeben, dass Deutschland vom Euro und einem geeinten Europa profitiert. Der Euro ist genauso essenziell für die wirtschaftliche Integration und den Wohlstand in Europa, wie es die D-Mark fürs vereinte Deutschland war.

Die Euro-Kritiker in Deutschland begehen vier grundlegende Fehler, so auch Johannes Becker und Clemens Fuest (F.A.S., 12. Februar 2017). Sie weisen erstens darauf hin, dass der Euroraum kein „optimaler Währungsraum“ sei und dass die gemeinsame Geldpolitik nicht den Bedürfnissen der sehr unterschiedlichen Euro-Länder entspreche. Das ist richtig, aber irreführend. Nach der Logik hätte es keine deutsche Währungsunion geben dürfen, denn Ost- und Westdeutschland waren 1990 sogar viel unterschiedlicher als Portugal und Deutschland heute.

In der Praxis wird eine gemeinsame Währung nicht eingeführt, weil für die beteiligten Länder ein- und dieselbe Geldpolitik gleichermaßen gut funktionieren würde. Eine gemeinsame Währung dient vielmehr der Integration und Vertiefung des gemeinsamen Wirtschaftens und schafft dadurch einen größeren Wohlstand für alle beteiligten Länder.

Deshalb ist auch viel der deutschen Kritik an der Geldpolitik der EZB verfehlt: Eine gemeinsame Geldpolitik wird und kann eben nie für jedes einzelne Land angemessen sein – sie muss es für den gesamten Währungsraum sein. Die Vorteile einer gemeinsamen Währung sind bei einer richtigen Ausgestaltung der gemeinsamen Institutionen bedeutend größer als die Passgenauigkeit der Geldpolitik für einzelne Regionen.

Der Exporterfolg Deutschlands wäre ohne den Euro nicht möglich gewesen. Als Deutschland noch vor zehn Jahren als „kranker Mann Europas“ galt, war unsere Wachstumslokomotive der Euroraum. Die deutsche Wirtschaft konnte ihr Exportdefizit von 2002 binnen fünf Jahren in einen riesigen Überschuss in Höhe von sechs Prozent der Wirtschaftsleistung verwandeln. Das entsprach im Jahr 2007 fast 150 Milliarden Euro – und zu einem großen Teil resultierte dieser Überschuss aus dem Handel mit anderen Ländern des Euroraums. Meta-Studien zeigen, dass eine Währungsunion den gemeinsamen Handel langfristig fast verdoppeln kann und davon nicht nur die schwächsten, sondern alle Regionen profitieren. Ohne den Euro und die europäische Währungsunion stände Deutschland heute wirtschaftlich nicht so gut da.

Zweitens ist oft zu hören, der Euro schwäche die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder, da diese ihre Exportgüter nicht mehr durch nominale Abwertungen wettbewerbsfähig halten könnten. Dies ist falsch, denn auch Ostdeutschlands Problem im Jahr 1990 war nicht, dass seine Güter zu teuer waren, sondern dass dort kaum Waren hergestellt wurden, die Käufer fanden. Ferner waren die staatlichen Institutionen nicht in der Lage, wettbewerbsfähige und flexible Rahmenbedingungen für Unternehmen und Haushalte zu schaffen.

Das Gleiche trifft heute auf viele Länder in Südeuropa zu. Die dortigen Volkswirtschaften sind reformbedürftig. Es bedarf grundlegender Strukturanpassungen und einer Verbesserung der Qualität staatlicher Institutionen. Diese Länder leiden jedoch nicht unter einem zu starken Euro. Im Gegenteil: Der Euro verleiht ihnen Stabilität und hilft, günstige Finanzmarktbedingungen zu schaffen, so dass notwendige Investitionen überhaupt erst getätigt werden können.

Befremdlich ist dieses Argument vor allem, wenn es aus Deutschland vorgebracht wird. Denn als es hier noch die D-Mark gab, war die Stärke und Stabilität der Währung ein großer Vorteil. Exportunternehmen wurden so dauerhaft dazu angehalten, wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne über Währungsabwertungen in die Preise einzugreifen.

Drittens machen Euro-Kritiker die Währung zum Sündenbock der europäischen Finanzkrise. Ja, mit der Einführung des Euros sind die Zinsen in Südeuropa stark gesunken. Aber der Grund für viele ineffiziente Investitionen und übermäßige Konsumausgaben von Unternehmen, Haushalten und Regierungen waren schlicht falsche Entscheidungen – und nicht die Währung. Den Euro für die europäische Finanz- und Staatsschuldenkrise verantwortlich zu machen, ist genauso falsch, wie die Schuld für Kriminalität bei der Polizei zu suchen.

Die Lehren aus der deutschen Währungsunion sind auch für die europäische Währungsunion gültig. Eine Währungsunion kann nur dann ein Erfolg sein, wenn die Politik sie mit den notwendigen Reformen begleitet. Genauso wie für den wirtschaftlichen Erfolg in Ostdeutschland neue staatliche Institutionen, ein integrierter Kapitalmarkt und gemeinsame wirtschaftliche Regeln entscheidend waren, so müssen solche Schritte auch in Europa folgen. Der Kontinent ist heute auf einem guten Weg, die für den Erfolg des Euro notwendigen Reformen anzugehen, etwa durch die Bankenunion und eine Kapitalmarktunion. Gleichzeitig fehlt bisher eine stärkere Fiskalunion, mit gemeinsamen, bindenden Regeln und glaubwürdigen Institutionen, die diese Regeln auch umzusetzen vermögen.

Falsch liegen die Euro-Kritiker auch in ihrer Behauptung, erst eine vollendete politische Union – also „Vereinigte Staaten von Europa“ – würde einen erfolgreichen Euro ermöglichen. Eine funktionierende Währungsunion benötigt keine politische Union. Aber sie erfordert eine gut funktionierende Fiskalunion, stärkere europäische Institutionen und eine engere Abstimmung der nationalen Politik.

Viertens birgt eine kontextlose Aufrechnung wirtschaftlicher Vor- und Nachteile, wie es Becker und Fuest tun, die Gefahr, die gemeinsame Währung schlicht als Deal zu betrachten, bei dem Deutschland am Ende über den Tisch gezogen wurde. Das ist geschichtsvergessen. Deutlich wird das, wenn Fuest und Becker so tun, als ob man statt der gemeinsamen Währung eben auch ein festes Wechselkurssystem mit gelegentlichen Anpassungen nutzen könnte.

Zur Erinnerung: Es gab ein solches System in den 1980er und 1990er Jahren. Aber dieser Mechanismus war nicht funktionsfähig. Er führte mehrfach zu Finanzmarktkrisen mit immensen Wachstums- und Beschäftigungsverlusten. Die Anpassungen wurden maßgeblich von Deutschland dominiert. Die entsprechende Koordinierung war unvollständig oder fand erst gar nicht statt. Unseren Partnern war die Dominanz Deutschlands spätestens dann nicht mehr zu vermitteln, als der Kapitalverkehr in Europa freigegeben wurde. Und da die europäischen Politiker eben gerade keinen freien Wechselkurs wollten, war die Einführung einer gemeinsamen Währung und Geldpolitik die einzige verbleibende Möglichkeit.

Der Euro trägt weder die Schuld für die europäische Finanz- und Staatsschuldenkrise, noch für die Fehler der nationalen Politik. Die größten Gefahren für die Zukunft Deutschlands und Europas sind Populismus und Protektionismus. Es ist populistisch, Erfolge der nationalen Politik zuzuschreiben und sämtliche Misserfolge Europa und dem Euro zuzuweisen. Die Renationalisierung der Politik und der resultierende Protektionismus sind gefährlich und schädlich – wirtschaftlich, sozial und politisch. Deutschland sollte ein klares Bekenntnis zum Euro und zur europäischen Integration abgeben und die deutsche Politik sollte alles dafür tun, dass die bislang ausgebliebenen, aber notwendigen Reformen auf europäischer Ebene umgesetzt werden.

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