Ungleichheit ZEIT Kolumne

Aufschwung, aber nicht für alle

Dieser Beitrag ist am 12. Mai in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Die Wirtschaft in Deutschland wächst und wächst, doch die Lohnentwicklung hinkt hinterher. Woran liegt es, dass für Unternehmer ein größeres Stück vom Kuchen bleibt?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat mit seinem neusten World Economic Outlook für Aufsehen gesorgt. Der Bericht zeigt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern global einen abnehmenden Anteil an der Wirtschaftsleistung erhalten, Kapitaleigentümer dagegen ein immer größeres Stück vom Kuchen für sich beanspruchen können. Deutschland sticht als eines der Länder hervor, in dem der Anteil, der den Beschäftigten zugutekommt, relativ gering ist. In kaum einem anderen Land ist zudem die Lücke zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen in den vergangenen Jahren 25 Jahren größer geworden. Und diese Lücke könnte in Zukunft weiter wachsen.

Der IWF hat untersucht, welcher Anteil der Wirtschaftsleistung dem Faktor Arbeit und welcher dem Faktor Kapital zugutekommt. Mit Arbeit sind die Einkommen der Beschäftigten inklusive Steuern und Transferzahlungen gemeint, mit Kapital die Eigentümer von Unternehmen und anderen produktiven Vermögenswerten. Der Anteil für Arbeit in den Industrieländern ist demnach von fast 54  Prozent im Jahr 1991 auf 50 Prozent 2014 gesunken. Es gibt jedoch große Unterschiede über Länder hinweg: In 21 der 50 größten Volkswirtschaften der Welt kann Arbeit eine größere Portion der Wirtschaftsleistung für sich beanspruchen als Anfang der neunziger Jahre, in 29 dagegen eine niedrigere. Die größten Volkswirtschaften dominieren diese Entwicklung: Die USA, China und Deutschland haben ein zum Teil deutliches Absinken erfahren.

Dabei ist es nicht unbedingt per se negativ, wenn der Anteil des Faktors Arbeit schrumpft. So ist Chinas Volkswirtschaft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, in den vergangenen 25 Jahren um mehr als 400 Prozent gewachsen, und dieses Wachstum hat Hunderte von Millionen Chinesen aus der Armut geholfen und ihnen einen deutlichen Anstieg des Einkommens beschert – obwohl der Anteil der Arbeitseinkommen an der enorm gestiegenen Wirtschaftsleistung gleichzeitig gesunken ist.

Für Deutschland ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Hier wuchs die Wirtschaft sehr viel schwächer als in China, sodass nicht nur der Anteil der Arbeitnehmereinkommen an der Wirtschaftsleistung gesunken ist, sondern knapp ein Drittel der Haushalte heute gar ein geringeres Einkommen hat als noch vor 25 Jahren.

Diese Entwicklung trifft nicht alle Menschen gleich. Der Anteil der Einkommen der Reichsten ist deutlich gestiegen, für die Mittel- und Unterschicht ist er jedoch umso stärker gesunken. Die IWF-Analyse zeigt, dass diese Polarisierung zwar ein globales Phänomen ist, sie jedoch Länder mit einem hohen Industrieanteil besonders stark betrifft – also vor allem Länder wie Deutschland, dessen Jobs leichter durch Automatisierung ersetzt werden können.

Die exportstarke Industrie Deutschlands ist keine uneingeschränkte Stärke. Der hohe Industrieanteil bedeutet auch, dass besonders viele Jobs von Automatisierung und Digitalisierung gefährdet sind und dies die Einkommen gerade der Mittelschicht unter Druck setzt. Die große Offenheit der deutschen Volkswirtschaft und die Stärke der Industrie haben also auch eine Kehrseite – nicht unbedingt für die Eigentümer dieser Unternehmen, aber für deren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Deutschland ist aber auch in anderer Hinsicht anders. In den meisten der vom IWF untersuchten Industrieländer haben technologischer Wandel und Globalisierung die Beschäftigung reduziert und die Arbeitslosigkeit erhöht. In Deutschland ist das Gegenteil passiert: Die Arbeitslosigkeit ist gesunken und die Erwerbsquote gestiegen, vor allem unter Frauen und älteren Menschen.

Die Jobs, die in Deutschland durch Technologie und Globalisierung verloren gingen, sind durch mehr neue Jobs ersetzt worden, zumeist innerhalb der gleichen Wirtschaftssektoren, aber schlechter bezahlt. In anderen Worten: Der Anteil der Arbeitseinkommen in Deutschland ist vergleichsweise stark abgesunken, nicht weil Arbeitsplätze verloren gegangen sind, sondern weil in bestehenden oder neu entstandenen Jobs geringere Löhne bezahlt wurden.

Wieso ist Deutschland anders? Auch hierzu hat der IWF drei Antworten parat. Zum einen haben Globalisierung und die hohe Offenheit der deutschen Wirtschaft die Verhandlungsmacht der Beschäftigten hin zu den Unternehmen verschoben. Vor dem Hintergrund einer offenen Wirtschaft können Unternehmen nämlich leichter ihre Aktivitäten verlagern – oder zumindest glaubwürdiger damit drohen. Auch Regulierung und ein Steuersystem, das Kapital und Vermögen im internationalen Vergleich gering besteuert, sind laut IWF ein Teil der Erklärung.

Politik hätte schon längst entschiedener reagieren müssen

Vermögen und Kapital sind in Deutschland im internationalen Vergleich zudem, und das ist die dritte Erklärung, sehr ungleich verteilt, sodass die Spreizung der Einkommen nochmals durch sehr ungleiche Kapitaleinkommen verstärkt wird. In Deutschland haben Menschen mit geringen Einkommen vergleichsweise wenig Kapital – etwa in Form von Aktien, die ja ein Teileigentum an Unternehmen darstellen. Dagegen gehört das Kapital meist den Menschen, die auch ein hohes Arbeitseinkommen haben. Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit verstärken sich somit gegenseitig.

Die IWF-Analyse impliziert einen deutlichen weiteren Anstieg der Einkommen und Vermögen in der Zukunft. Alle Prognosen zeigen, dass der technologische Wandel sich beschleunigen und in Zukunft noch viel mehr Jobs kosten und die Arbeit der Menschen verändern wird. Davon ist Deutschland und vor allem seine Mittelschicht durch die Wirtschaftsstruktur und große Offenheit sehr viel stärker betroffen als andere Länder.

Wir sollten allerdings vorsichtig normativ interpretieren, was es bedeutet, dass in Deutschland das Gewicht der Arbeitseinkommen geschrumpft ist. Zuerst einmal drücken die Zahlen des IWF lediglich aus, dass der Anteil der Arbeitseinkommen sinkt und der Anteil für die Eigentümer von Kapital und Vermögen steigt. Ob dies „gerecht“ ist, ist eine völlig subjektive Frage. Ungleichheit ist per se weder gut noch schlecht und in einem gewissen Maße auch das natürliche und sogar gewünschte Resultat einer funktionierenden Marktwirtschaft.

Veränderung mit Ansage

Der IWF mahnt jedoch, dass der Anstieg der Ungleichheit von Einkommen signifikanten wirtschaftlichen Schaden anrichten kann. Zahlreiche wissenschaftliche Studien, unter anderem vom IWF selbst und vom DIW Berlin, zeigen, dass wachsende Ungleichheit sowohl Wachstum und Wohlstand reduziert als auch soziale und politische Konflikte verursachen kann. Auch deshalb sollten wir die Mahnungen unserer internationalen Partner ernst nehmen und nicht wie so oft, wenn jemand im Ausland es wagt, uns Deutsche zu kritisieren, dies als Unfug herabstufen.

Neben dem IWF haben viele Wissenschaftler, wie Thomas Piketty und andere, gezeigt, wie wichtig das Eigentum von Kapital für die Ausgewogenheit von Einkommen und Lebensbedingungen ist. Und in dieser Frage schneidet Deutschland besonders schlecht ab, denn in kaum einem anderen Industrieland sind Vermögen und Kapital ungleicher verteilt.

Niemand sollte in Zukunft behaupten, man hätte die zunehmende Ungleichheit und Polarisierung der Gesellschaft nicht kommen sehen. Es ist eine Veränderung mit Ansage. Die Politik hätte schon längst entschiedener reagieren müssen, vor allem durch grundlegende Änderungen im Bildungssystem, um mehr Menschen bessere Chancen und eine stärkere Teilhabe am technologischen Wandel zu ermöglichen.

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