Ungleichheit

„Die soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr“

Dieses Interview ist am 26. Juli im Tages-Anzeiger erschienen. Mit Marcel Fratzscher sprach Dominique Eigenmann.

Sie haben etwas mit Sahra Wagenknecht gemein: Wie die Sozialistin behaupten Sie, die soziale Marktwirtschaft existiere in Deutschland nicht mehr. Wie kommen Sie darauf?

Die Kernaussage meiner Arbeit ist: Die hohe Ungleichheit in Deutschland ist ein Problem – nicht unbedingt aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern aus wirtschaftlicher Sicht. Weil sie letztlich das Resultat aus zu wenig Chancengleichheit ist, richtet sie einen ökonomischen Schaden an: Es gibt im Land Potenziale, die nicht genutzt werden.

Nur drei von 35 OECD-Staaten verteilen mehr um als Deutschland, das Land leistet sich einen der teuersten Sozialstaaten der Welt. Braucht es noch mehr davon?

Nein, mehr Umverteilung, mehr Sozialstaat, mehr Sozialabgaben sind nicht die Lösung. So sehr ich Wagenknechts Befund der Ungleichheit zustimme, so fundamental widerspreche ich ihr, was die Maßnahmen angeht. Links der Mitte zieht man den Schluss, es brauche mehr Umverteilung. Rechts der Mitte ist man der Meinung, man verteile schon genug um und leugnet deswegen die Ungleichheit. Ich glaube, dass beide Lager falsch liegen.

Warum?

Ungleichheit wird in der Politik stets mit einem moralischen Blick betrachtet, sei es, indem man sie skandalisiert oder rechtfertigt. Als Wissenschaftler habe ich überhaupt nichts zum Thema Gerechtigkeit zu sagen. Was man fair oder unfair findet, ist subjektiv. Der Kellner auf der Straße oder die Managerin der Bank verstehen darunter ganz unterschiedliches. Als Ökonom interessiert mich, wie sich Ungleichheiten auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. Das ist in den Wirtschaftswissenschaften ein eher neuer Zweig. Dass eine Markwirtschaft Ungleichheit schafft, die wirtschaftlich schädlich sein kann, war lange fast tabu.

Dafür wurde gerne behauptet, große Ungleichheit gehe mit großem Wachstum einher.

Diese These habe ich immer für unsinnig gehalten, obwohl einige Ökonomen in Deutschland immer noch an ihr festhalten. Es gehört zu den elementaren Erkenntnissen, dass Marktwirtschaft Ungleichheiten schafft. Wenn freie Menschen freie Entscheidungen treffen, werde diese unweigerlich verschiedene ökonomische Folgen zeitigen. Der eine will so viel Bildung wie möglich und ist noch fleißig dazu, der andere will vielleicht gar nicht so viel arbeiten. Warum sollten sie dann denselben Lohn haben?

Eine Leistungsgesellschaft schafft Unterschiede. Sonst wäre sie keine.

Diese Ungleichheit ist nicht nur ein natürliches Resultat, sie ist unbedingt wünschenswert. Sie ist es, die eine Markt- von einer Planwirtschaft unterscheidet. Leistung soll sich lohnen. Wir wollen, dass Menschen Risiken eingehen, dass sie egoistisch sind und für sich sorgen – weil sie, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt, damit eben auch Mehrwert für andere schaffen. Als erfolgreicher Unternehmer werden Sie reich, ja, verschaffen aber gleichzeitig vielen anderen Menschen Arbeit.

Wo liegt also das Problem?

Die Ungleichheit, die wir in westlichen Ländern, insbesondere in Deutschland, in den letzten 20 Jahren haben entstehen sehen, hat wenig damit zu tun, dass die Marktwirtschaft so gut funktioniert: der eine also ehrgeizig ist, der andere Pech hat und so fort. Sie hat damit zu tun, dass es zunehmend an Chancengleichheit fehlt. Wenn Sie einem Kind aus einer sozial schwachen Familie keine gute Betreuung im Kindergarten und in der Grundschule geben, weil es an Ganztagesschulen und Kitaplätzen fehlt oder einfach die Qualität nicht hoch genug ist und die Kinder nur verwahrt, aber nicht gebildet werden – dann ist seine Chance, es mit elf, zwölf Jahren ans Gymnasium zu schaffen, sehr klein.

Damit ist zu einem Teil bereits vorbestimmt, wie viel dieses Kind mal verdienen kann.

Ja. Sie nehmen diesem Menschen die Chance, die eigenen Talente zu entwickeln und damit nicht nur für sich selber zu sorgen, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Damit entsteht ein Schaden, nicht nur für diese Person, sondern auch ein Schaden für uns als Gesellschaft. Deswegen sage ich: Die soziale Marktwirtschaft, die Freiheit und Eigenverantwortung jedes Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, gibt es nicht mehr.

Der Christdemokrat Ludwig Erhard, der Vater von Deutschlands sozialer Marktwirtschaft, definierte deren Ziel in den 1950er Jahren als „Wohlstand für alle“. Es gibt heute wenig reichere Länder als Deutschland. Noch nie hatten mehr Menschen Arbeit, das soziale Netz ist stark ausgebaut. Trotzdem soll diese Marktwirtschaft nicht mehr sozial sein?

Für Erhard war eine der Voraussetzungen, dass die Menschen gleiche Bedingungen vorfinden, um wirtschaftlich teilzuhaben. Wenn Sie aber nur einer begrenzten Anzahl von Menschen die Chance geben, für sich selbst freie Entscheidungen zu treffen und in den Markt zu kommen, dann fehlt es eben an Marktwirtschaft, wie Erhard sie verstand. Mit sozial wiederum meinte er nicht, dass der Sozialstaat möglichst groß sein sollte, im Gegenteil. Ein guter Sozialstaat bedeutete aus seiner Sicht vor allem: Eigenverantwortung. Ein großer Sozialstaat praktiziert das Gegenteil: Er schafft Abhängigkeiten. In Ostdeutschland erhält heute ein Drittel der Haushalte mehr als die Hälfte seines Einkommens aus staatlichen Transferleistungen.

Eigenverantwortung sieht anders aus.

Man kann dazu verschiedene Ansichten haben. Die einen sagen: Super, der Staat kümmert sich. Ich sage: Da stimmt etwas nicht. Ein großer Sozialstaat ist ein Indiz dafür, dass die soziale Marktwirtschaft nicht gut funktioniert.

Was genau funktioniert nicht gut?

Deutschland gehört zum Beispiel zu den Ländern in Europa, in denen die Vermögen am ungleichsten verteilt sind. Ungleichheit kann verschiedene Gründe haben, je nachdem ob die Reichen extrem viel oder die Armen extrem wenig haben. Das Problem in Deutschland ist nicht, dass die Reichsten so viel haben, sondern dass 40 Prozent praktisch kein Erspartes haben, also quasi von der Hand in den Mund leben. Das ist im internationalen Vergleich sehr ungewöhnlich, zumal für ein so reiches Land.

Warum ist das so?

Historisch gesehen, mussten Vermögen nach 1945 in Westdeutschland und nach 1990 in Ostdeutschland überhaupt erst wieder aufgebaut werden. Die Deutschen sparen schlecht. Nur knapp jeder zweite besitzt eine Wohnung oder ein Haus, obwohl Immobilien besonders gute Wertanlagen sind. Es liegt aber auch an der Ungleichheit der Einkommen. 40 Prozent der Deutschen brauchen ihr komplettes Einkommen jeden Tag für ihren gegenwärtigen Lebensstandard auf. Vermögen werden in Deutschland heute sehr gering besteuert, Einkommen aus Arbeit aber sehr stark.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Dass der Wohlstand in Deutschland sehr ungleich verteilt ist. Und auch der Sozialstaat wird sein jetziges Versprechen, für Alte, Arme und Kranke zu sorgen, immer weniger gut erfüllen können, wenn man an die demographische Entwicklung denkt.

Wenn man die Deutschen fragt, wie gut es ihnen wirtschaftlich geht, antworten die meisten: Ich bin mit meiner Lage zufrieden oder sehr zufrieden. Wenn man fragt, wie gerecht es in Deutschland zugeht, sagen die meisten: ziemlich oder sehr ungerecht. Wie erklären Sie diese Diskrepanz? Trügt das Gefühl oder die Lage?

„Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig“, hat Kurt Tucholsky geschrieben. Als Forscher stelle ich fest, dass die Ungerechtigkeit nicht nur eine gefühlte ist. Die Polarisierung in der Gesellschaft nimmt zu. Der Mittelstand schrumpft. Nicht nur, weil einige den Sprung nach oben schaffen, da sie die Chancen von Globalisierung und technologischem Wandel zu nutzen imstande sind. Viele fallen auch zurück und müssen sehr hart arbeiten, ohne dass sie sich viel leisten können. Während in den 70er Jahren das Einverdienermodell üblich war, kommen Haushalte heute meist auf eineinhalb oder zwei Einkommen, weil auch 70 Prozent der Frauen arbeiten. Bei gering oder mittel Qualifizierten verdienen aber heute zwei so viel wie früher ein guter Verdiener.

Allerdings ist auch der Anspruch an den Wohlstand erheblich gestiegen.

Dass man sich heute mehr Komfort leisten und in den Urlaub fahren kann, ist wahr. Es hat aber mit Ungleichheit nichts zu tun. Ich moniere ja nicht, dass Menschen arm sind und Not leiden – das ist in Deutschland nicht das große Thema. Mir geht es um soziale, politische und wirtschaftliche Teilhabe. Viele Deutsche haben genug zum Überleben und können trotzdem am gesellschaftlichen Leben nur eingeschränkt teilnehmen, etwa weil sie sich die Schulreise der Kinder oder den Besuch eines Konzerts nicht leisten können. Das aber ist nicht nur ein Problem dieser Leute, sondern eines der Gesellschaft.

Warum?

Wir wissen, dass Menschen mit geringerem Einkommen nicht nur weniger soziale Kontakte haben und ungesünder leben, sondern auch sehr viel seltener zur Wahl gehen. Meine Frage ist nicht, ob das ungerecht ist, sondern: Wie kann eine Gesellschaft, wie kann eine Wirtschaft, wie kann ein politisches System funktionieren, wenn Ungleichheit hoch ist und weiter wächst? Meine Antwort ist: Alle drei sind gefährdet, wenn wir sie zu groß werden lassen.

Die Ungleichheit der Einkommen ist in Deutschland vor allem zwischen 1995 und 2005 gestiegen. Seither stagniert sie oder ist wieder leicht gesunken. Die Schere zwischen reich und arm geht also gar nicht weiter auf. Warum also die Alarmrufe?

Es ist eine Frage des Anspruchs. Warum sollten wir ausgerechnet den Höhepunkt der Ungleichheit der letzten 70 Jahre als neuen Nullpunkt nehmen? Nur um festzustellen, dass es wenigstens nicht noch schlimmer geworden ist? Das halte ich für manipulativ. Das Armutsrisiko ist im Übrigen nach 2005 sehr wohl gestiegen, das der alleinerziehenden Mütter sogar sehr stark.

Die Ungerechtigkeitsgefühle in einer Gesellschaft nehmen stets zu, wenn es nach einer Krise wieder aufwärts geht, sagen Forscher. Ist das ein Grund für die Diskrepanz zwischen Lage und Gefühl?

Wir haben einen Verteilungskampf und eine Neiddebatte in Deutschland. Egal, welches Wahlkampfthema Sie wählen – Steuern, Rente oder Flüchtlinge: Der Staat erwirtschaftet große Überschüsse, und nun beansprucht jeder etwas auf Kosten aller anderen. Das gilt nicht nur für Geringverdiener oder Selbstständige, sondern auch für Unternehmen und Reiche.

Wer hat denn aus Ihrer Sicht am meisten Recht?

Jeder hat grundsätzlich dasselbe Recht auf ein größeres Stück des Kuchens. Die gerechte Verteilung ist eine Aufgabe der Politik, nicht der Wissenschaft. Als Ökonom stelle ich mir die Frage: Was ist zukunftsfähig? Was vergrößert den Kuchen? Und da ziehe ich den Schluss, dass man die Überschüsse vor allem in bessere Bildung und bessere Infrastruktur investieren sollte, weil alle davon profitieren, wenn sich die Chancengleichheit erhöht. Und im Steuersystem sollte man diejenigen Menschen entlasten, die davon wirtschaftlich am meisten profitieren.

Welche sind das?

Häufig sind es Geringverdiener, allein erziehende Mütter zum Beispiel. Ein sogenannter Minijobber etwa darf nicht mehr als 450 Euro im Monat verdienen, sonst verliert er sein Privileg, weniger Sozialabgaben bezahlen zu müssen. Gleichzeitig wäre es wirtschaftlich erwünscht, dass er mehr arbeitet, und gesellschaftlich erwünscht, dass sich mehr Arbeit für ihn auch lohnt. Hier würden kleine Entlastungen ökonomisch viel mehr bringen als bei Gutverdienern, bei denen ein paar hundert Euro keinen wesentlichen Unterschied machen.

Was ist der Königsweg, um Ungleichheit zu verringern?

Bildung und Teilhabe sind bei weitem das Wichtigste. Unsere Forscher haben errechnet, dass jeder Euro, den der Staat in die frühkindliche Bildung investiert, einen vielfach größeren positiven Effekt hat, als jeder Euro, der ins Universitätssystem fließt. Deutschland hat bei der Förderung kleiner Kinder zwar aufgeholt, schneidet aber immer noch schlecht ab. Es fehlen trotz des gesetzlichen Anspruchs 300.000 Kita-Plätze, oft ist die Qualität der Bildung schlecht. Was ein Kind in den ersten fünf, sechs Jahren an kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten – soziales Verhalten, Durchsetzungsfähigkeit, Ehrgeiz, Neugierde – nicht gelernt hat, können Sie später kaum mehr aufholen. Da muss der Schwerpunkt liegen, da winkt der höchste Nutzen.

Wer macht es besser?

Die Skandinavier investieren sehr viel in Bildung. Deren Sozialstaat ist zwar auch groß, dennoch verteilen sie gar nicht so viel um. Das ist möglich, weil ihre Bildungssysteme bessere Chancen für alle schaffen und die Einkommensunterschiede deswegen viel weniger groß sind.

Entscheidet in der neuen Arbeitswelt hohe Bildung und Qualifikation über den Erfolg?

Lebenslanges Lernen und Flexibilität sind die wichtigsten Tugenden der Zukunft. Das ist aber kein deutsches, sondern ein globales Thema.

Was braucht es, um da noch erfolgreicher zu sein?

Mehr Geld und bessere Konzepte. Das duale Ausbildungssystem ist eine Stärke sowohl Deutschlands wie der Schweiz, weist aber eine Schwäche auf: Es spezialisiert die Lehrlinge tendenziell zu früh. Wenn diese danach nichts anderes mehr lernen und mit 45 Jahren arbeitslos werden, wird es ihnen schwer fallen, wieder Arbeit zu finden. Ich empfehle deswegen, dass mehr junge Menschen studieren, weil sie da die Möglichkeit haben, sich breiter aufzustellen und dadurch flexibler zu bleiben.

Was ist die nächstwichtigere Herausforderung, um Ungleichheit zu abzubauen?

Frauen sind das größte ungehobene wirtschaftliche Potenzial unseres Landes. Sie haben im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse als Männer, viele machen Abitur, gehen häufiger studieren, schließen schneller und mit besseren Noten ab.

Sie machen also eigentlich alles richtig?

Ja. Bis sie in den Arbeitsmarkt kommen. Dann tauchen auf einmal ganz viele Barrieren auf: schlechtere Bezahlung, fehlende Kinderbetreuung, unzureichende Teilzeitangebote, intransparente Männercliquen an der Spitze. Kurz: Frauen haben ein unglaubliches Potenzial – das die Gesellschaft nicht nutzt, weil sie Frauen zu schlecht behandelt.

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