Ungleichheit ZEIT Kolumne

Gefangen am unteren Rand

Dieser Beitrag ist am 18. August in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Sehr vielen Deutschen geht es heute deutlich besser – dem Aufschwung sei Dank. Das Problem ist nur: Wer vor zehn Jahren arm war, ist es wahrscheinlich heute immer noch.

Selten waren so viele Deutsche mit ihrem persönlichen Leben so zufrieden wie heute. Erstaunlicherweise sind gleichzeitig aber sehr viele Deutsche unzufrieden mit der sozialen Ungleichheit und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land. Wie kommt es zu diesem vermeintlichen Widerspruch? Lassen sich die Menschen diese Unzufriedenheit lediglich von Politikern oder gar Wissenschaftlern einreden, obwohl die Lage im Land eigentlich hervorragend ist?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In den Umfragen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) im DIW Berlin (DIW-Wochenbericht 29/2017) geben die meisten der rund 30.000 Befragten an, derzeit recht zufrieden mit ihrem Einkommen zu sein. Auf einer Skala von 0 bis 10 (von sehr unzufrieden bis sehr zufrieden) liegt der Durchschnittswert bei 6,80 für das eigene Haushaltseinkommen. Interessant ist jedoch, dass die Zufriedenheit mit der „Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit in Deutschland“ deutlich niedriger ist, sie liegt bei 4,81.

Unbestritten ist, dass sich die wirtschaftliche Lage für viele Menschen in den vergangenen zehn Jahren teils deutlich verbessert hat. Fast sechs Millionen Menschen haben seit 2005 eine Arbeit gefunden, viele davon gute Arbeit, und die Einkommen sind für die Mehrheit der Beschäftigten gestiegen.

Aber nicht alle haben an diesem Aufschwung teilhaben können, nicht wenige wurden abgehängt. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt, dass die 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen, also mehr als 30 Millionen Deutsche, heute eine geringere Kaufkraft haben als noch vor 20 Jahren. Zugleich hat sich die Zahl der Menschen kaum verringert, die sich am Rand des Existenzminimums bewegen. Im Jahr 2006 waren es rund acht Millionen. 2015 sind es, trotz eines langjährigen Aufschwungs, immer noch rund acht Millionen Menschen, die von Armut bedroht sind. Fast jede vierte alleinerziehende Mutter oder Vater und ihre Kinder sind heute von Armut bedroht, deutlich mehr noch als vor zehn oder 15 Jahren, als es Deutschland wirtschaftlich deutlich schlechter ging. Auch das steht im Armuts- und Reichtumsbericht.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die deutsche Gesellschaft polarisiert. Und die SOEP-Umfrage zeigt, dass die Deutschen sich dieser Entwicklung bewusst sind und es sich nicht um einen Widerspruch handelt. Auf der einen Seite steht eine große Mehrheit, der es heute besser geht. Auf der anderen Seite steht jedoch ein nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung, der von Aufschwung und quasi Vollbeschäftigung nicht profitiert.

AFD-Wähler sind besonders unzufrieden

Es geht nicht um eine Neiddebatte oder um ein Klagen auf hohem Niveau, wie manche Kritiker monieren. Es geht auch nicht darum, dass Menschen in Deutschland nicht genug zu essen, kein Dach über dem Kopf oder keine Gesundheitsversorgung hätten. Denn Deutschland hat einen starken Sozialstaat. Es geht um die wirtschafts- und sozialpolitischen Schäden, die durch diese zunehmende Polarisierung verursacht werden. Der Wirtschaft entgeht ein enormes Potenzial, wenn Menschen sich nicht ausreichend qualifizieren und in den Arbeitsmarkt einbringen können. Sie werden von der sozialen und politischen Teilhabe ausgeschlossen, was letztlich zu Konflikten führt und das Funktionieren der Demokratie gefährdet.

Sichtbar wird diese Entwicklung, wenn man sich die Parteipräferenzen anschaut. Insgesamt 70 Prozent der Befragten empfinden ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut, 30 Prozent jedoch als gemischt, schlecht oder sehr schlecht. Unter den AfD-Wählern sind dagegen fast 50 Prozent mit der eigenen wirtschaftlichen Lage eher unzufrieden, bei der FDP liegt dieser Wert bei lediglich 17 Prozent. Am Unzufriedensten sind dabei die Nichtwähler. Viele Menschen reagieren mit Resignation auf ihre eigene wirtschaftliche Misere statt mit mehr Engagement, andere wählen extreme Parteien.

Hinzu kommt, dass Umfragen zur individuellen Zufriedenheit lediglich etwas über das gegenwärtige Empfinden aussagen, aber nichts über die künftige Entwicklung. Viele Studien zeigen, dass sich die Deutschen zunehmend Sorge um ihre Zukunft machen. Werde ich meinen Lebensstandard halten können? Reicht die Rente noch? Wird es meinen Kindern einmal besser gehen? Die nicht unberechtigte Wahrnehmung vieler ist: Wir leben in goldenen Jahren, die nicht ewig anhalten werden. Denn Deutschland altert, viele Fachkräfte werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen und immer weniger junge Menschen müssen immer mehr Inaktive mitversorgen.

Viele Menschen in Deutschland sorgen sich zudem nicht allein um ihr eigenes Wohlergehen. Sie wollen in einer Gesellschaft leben, die einen Ausgleich schafft und eine soziale Absicherung bietet. Wenn viele Menschen sagen, dass es ihnen selbst persönlich zwar gut geht, sie sich aber Sorgen um die soziale Ungleichheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt machen, reflektiert das den Wunsch, die eigene Zufriedenheit zu teilen.

Dies ist eine ermutigende Botschaft: Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind den Menschen in Deutschland wichtig. So schauen viele in Deutschland heute mit Unverständnis auf die USA und darauf, wie der US-Präsident eine universelle Krankenversicherung für viele Millionen Amerikaner abschaffen und die Gesellschaft auch in anderer Hinsicht spalten will. Wenige in Deutschland wünschen sich ein Sozialsystem nach US- oder britischem Modell. Die große Mehrheit will Chancengleichheit, Solidarität und einen gesellschaftlichen Ausgleich.

„Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig“, schrieb Kurt Tucholsky im Jahr 1931. Persönliche Zufriedenheit bei gleichzeitiger Unzufriedenheit mit der Polarisierung der Gesellschaft ist nicht zwingend ein Widerspruch. Es könnte vielmehr eine recht akkurate Beschreibung der gegenwärtigen Stimmung in Deutschland sein.

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