Europa EZB Geld- und Finanzmärkte

Auf dem Holzweg

Die jüngste Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) hat erneut heftige Kritik in Deutschland ausgelöst. Im Gegensatz dazu erhält die EZB große Unterstützung und Respekt in anderen Teilen Europas und der Welt. Diese Isolation Deutschlands hat wenig mit der Geldpolitik und der Kommunikation der EZB, sondern vielmehr mit einer interessengeleiteten Politik in Deutschland zu tun.

Die jüngste Kritik von Banken, Politikern und Wissenschaftlern in Deutschland an der EZB ist, sie müsse endlich ein Versprechen für das Ende ihrer expansiven Geldpolitik abgeben. Diese Forderung ist fehlgeleitet. Die Aufgabe der Kommunikation einer Zentralbank ist es, sowohl relevante Informationen an die Märkte und die Öffentlichkeit weiterzuleiten, als auch die Unsicherheit über die Entwicklung der Wirtschaft und ihrer eigenen Geldpolitik zu reduzieren.

Ist die wirtschaftliche Unsicherheit jedoch hoch, wie das der Fall ist, kann eine Festlegung auf einen geldpolitischen Kurs schnell kontraproduktiv werden. Das geschah zum Beispiel in den Jahren 2008 und 2011: Beide Male hoffte die EZB, die Krise sei vorbei, und erhöhte die Zinsen – zu früh, wie sich schnell herausstellte.

In Zeiten der Unsicherheit bedeutet eine kluge Kommunikationspolitik für eine Zentralbank, nicht selber zur Quelle der Unsicherheit zu werden. Deshalb ist es richtig, dass die EZB sich auch durch noch so heftige Forderungen nicht auf einen starren geldpolitischen Pfad festlegen lässt. Sie wäre klug beraten, sich auch bei der nächsten Ratssitzung im Oktober viel Flexibilität bei ihrem graduellen Ausstieg aus den Anleihekäufen im Jahr 2018 einzuräumen. EZB-Präsident Draghi hat zu Recht immer die Option offengelassen, die Anleihekäufe zu verlängern und sogar zu erhöhen, falls eine wirtschaftliche Abschwächung oder eine erneute Krise dies erfordert.

Das Problem ist nicht, dass die EZB zu wenig oder zu unspezifisch kommuniziert. Die Gefahr ist eher, dass Banken und andere Finanzmarktakteure viel zu abhängig von der Kommunikation der EZB geworden sind, so dass sie eigene Informationen ignorieren und blind gegenüber Risiken werden. Viele Marktteilnehmer sind zu einer Herde von Schafen geworden, die blind den Andeutungen der EZB hinterherlaufen. Dies trägt zur Volatilität der Finanzmärkte bei, da mancher Marktteilnehmer so die langfristige Perspektive aus den Augen verliert. Dies ist auch gefährlich für die EZB, weil sie durch das blinde Reagieren von Finanzmarktakteuren selbst eine wichtige, unabhängige Informationsquelle verliert.

In der jetzigen Situation ist die Zentralbank gut beraten, eher weniger als mehr zu kommunizieren. Manche Informationen, die die EZB kommuniziert, erhalten dabei häufig zu wenig Gewicht. So ist die Inflationsprognose der EZB von 1,5 Prozent für 2019 ein klares Signal, das einige vielleicht auch gar nicht verstehen wollen: Es besagt, dass die EZB auch in zwei Jahren ihr Mandat der Preisstabilität (also einer Inflation von knapp unter zwei Prozent) nur schwer wird erreichen können. In anderen Worten: Ein baldiger Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik ist illusorisch.

Auch die Forderung, die EZB solle doch noch mehr Informationen über ihre Erwartungen veröffentlichen – zum Beispiel einen erwarteten Zinspfad – , ist fehlgeleitet. Denn nur wenige werden verstehen wollen, dass solche Informationen immer vielen Voraussetzungen und Bedingungen unterliegen und in der Realität nie so zutreffen.
Die EZB zieht es zu Recht vor, den Konsens aller Mitglieder des Zentralbankrats – 25 Personen aus 19 Nationen – zu kommunizieren und nicht deren Meinungsverschiedenheiten offenzulegen. Unterschiedliche Perspektiven und Meinungen zwischen den Ratsmitgliedern helfen, eine informierte und ultimativ bessere Entscheidung zu treffen, das ist für jede Zentralbank so und ist als Stärke und nicht als Schwäche zu bewerten. Auch deshalb spielt die Bundesbank eine so wertvolle Rolle für die EZB, weil sie wichtige Debatten anstößt und damit zu einer besseren Geldpolitik beigetragen hat.

Den deutschen Kritikern der EZB geht es nicht um mehr Transparenz, sondern darum, der EZB ein Versprechen und eine frühe Festlegung zum Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik abzuringen. Dies wäre ein Fehler. Denn die EZB muss sich die Möglichkeit bewahren, auf Risiken und Eventualitäten reagieren zu können. Einerseits, um ihre eigene Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Flexibilität zu wahren. Andererseits im eigenen Interesse Deutschlands und der gesamten Euro-Zone, damit der gegenwärtige Kurs der wirtschaftlichen Erholung fortgesetzt werden kann.

Der Gastkommentar ist am 20. September 2017 im Handelsblatt erschienen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.