Ungleichheit ZEIT Kolumne

Reiche Eltern müssen mehr zahlen!

Dieser Beitrag ist am 13. Oktober in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Die Zukunft von Kindern entscheidet sich in den ersten Lebensjahren. Ärmere Eltern müssen daher bei den Kitagebühren entlastet werden – sonst droht die soziale Spaltung.

Sind Kitagebühren gerechtfertigt und richtig? Deutschland steht vor einem Dilemma: Die Qualität der hiesigen Kitas ist im internationalen Vergleich nur durchschnittlich, gleichzeitig werden viele auch einkommensschwache Familien stark mit Kitagebühren belastet. Welche Prioritäten muss die Politik setzen: Die Qualität verbessern, oder Familien finanziell bei Kitagebühren entlasten?

Tatsächlich könnten wohl beide Ziele erreicht werden. Dafür müssten aber die üppigen Überschüsse im staatlichen Haushalt nicht länger per Gießkannenprinzip an alle ausgeschüttet werden; stattdessen sollten ärmere Familien gezielt von der neuen Bundesregierung entlastet werden. Dafür muss die neue Bundesregierung dieses extrem wichtige Thema von Qualität und Kosten der frühkindlichen Bildung in Deutschland hoch auf ihre Agenda setzen.

Was Kleinkindern an Fähigkeiten fehlt, können sie kaum noch aufholen

Die öffentlichen Ausgaben für Kitas sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, vor allem durch den Ausbau der Betreuung für Kinder unter drei Jahren. Im Jahr 2015 beliefen sie sich auf rund 24 Milliarden Euro. Den Qualitätsrückstand im Vergleich etwa zu den skandinavischen Ländern konnte Deutschland mit diesem Geld nur verringern, aber nicht aufholen. Noch immer ist die Qualität der deutschen Kitas nur durchschnittlich. Aber eines der reichsten Länder Europas kann seinen Wohlstand langfristig nicht mit einem durchschnittlichen Bildungssystem behaupten. Deutschland muss hier höhere Ansprüche haben.

Dabei ist die frühkindliche Bildung von fundamentaler Bedeutung. Was Kindern im Alter von sechs Jahren an kognitiven und nichtkognitiven Fähigkeiten fehlt, können sie später kaum mehr aufholen. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rendite jedes Euros, der in die frühkindliche Bildung fließt, ist deutlich höher als die eines Euros, der in Schulen oder Universitäten investiert wird. Gute Kitas sind daher ein enormer Wirtschaftsfaktor – und eine kluge Investition.

Auch die privaten Ausgaben der Familien für die Kitabetreuung in Deutschland sind massiv gestiegen, wie eine neue Studie des DIW Berlin zeigt: Für Kinder ab dem dritten Lebensjahr betragen die monatlichen Kosten mittlerweile im Durchschnitt 97 Euro. Noch krasser sind die Kitagebühren für Kleinkinder: Diese liegen heute bei 171 Euro monatlich – ein Anstieg um rund 75 Prozent seit 2005.

Armutsgefährdete Familien zahlen genauso viel wie reiche

Das für viele Schockierende ist, dass auch viele einkommensschwache Familien Kitagebühren zahlen müssen. Obwohl in den vergangenen Jahren einige Bundesländer solche Eltern von den Gebühren befreit haben, sind noch immer zwei Drittel von ihnen betroffen. Armutsgefährdete Familien, die Kitagebühren entrichten, verwenden dafür durchschnittlich acht Prozent ihres Einkommens für die Kita – und damit genauso viel wie reiche Familien.

Dies ist im doppelten Sinne skandalös, denn es widerspricht grundsätzlich dem Prinzip der Leistungsfähigkeit in unserem Sozialstaat. So werden einkommensschwache Familien recht stark mit Kitagebühren belastet, während Schulen und auch Universitäten, an denen meist Kinder einkommensstarker Familien studieren, gebührenfrei sind. Bildungsausgaben im frühkindlichen Bereich sollten progressiv sein – die Gebühren müssten also mit dem Einkommen der Eltern steigen. Das ist auch ein Gebot der Chancengleichheit. Wenn arme Eltern einen genauso hohen Anteil ihres Einkommens für Kitas zahlen wie reiche Eltern, wie das jetzt der Fall ist, ist diese Progressivität nicht gewährleistet.

Unter den jetzigen Belastungen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich diese Familien kaum zusätzliche Bildungsausgaben außerhalb der Kita für ihre Kinder leisten können. Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die hohe finanzielle Belastung durch Kitagebühren für Kleinkinder die Ungleichheit der Bildungschancen verstärkt: Zurzeit besucht lediglich jedes dritte Kind unter drei eine Kita, und dieses Angebot wird vor allem von einkommensstärkeren Eltern wahrgenommen. Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass gerade Kinder aus bildungsfernen Familien besonders stark vom Kitabesuch profitieren – oft sind gerade das die einkommensschwächsten.

Die neue Regierung muss die Qualität der Kitas verbessern

Ein grundlegendes Problem sind die enormen Unterschiede zwischen Bundesländern und vor allem zwischen Kommunen bei Qualität und Kosten der Kitas. Die Länder machen zwar Vorgaben bezüglich der Gebühren; die Kommunen haben jedoch meist Spielraum, diese nach den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Dabei sind vor allem finanzschwache Kommunen häufig gezwungen, höhere Gebühren zu erheben, um die Qualität der Kitas sicherstellen zu können.

Ein solcher Flickenteppich an Kitagebühren ist ein Armutszeugnis für Deutschland. Es steht im direkten Widerspruch zur Vorgabe des Grundgesetzes an die Politik, gleiche Lebensverhältnisse in allen Regionen für alle Menschen sicherzustellen.

Gratis-Kitaplätze für das einkommensschwächste Drittel

Die neue Bundesregierung muss es sich, zusammen mit den Ländern, zur zentralen Aufgabe machen, den Widerspruch zwischen mittelmäßiger Qualität und zu starker finanzieller Belastung der Familien aufzulösen. Die Bundesregierung darf sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen mit dem Hinweis, Bildung sei die Verantwortung der Länder. Sie muss die Länderregierungen dazu drängen, Kitas zumindest für das einkommensschwächste Drittel (wenn nicht sogar die Hälfte) kostenlos zu machen. Sie muss die Länder dazu bringen, Kosten und Qualität der Kitas stärker anzugleichen und zu harmonisieren.

Gleichzeitig sollten neue Bundesregierung und Länder durch eine Bildungsoffensive die Qualität der Kitas verbessern. Hierbei müssen sie vor allem den finanzschwachen Kommunen deutlich stärker zur Seite stehen. Die Kommunen leisten die Hälfte aller öffentlichen Ausgaben für Kitas.

Eltern lehnen den Status quo ab

Bund und Länder können sich diese Unterstützung leisten. Die privaten Ausgaben für Kitas, rund sechs Milliarden Euro im Jahr, betragen nur ein Fünftel der Überschüsse der öffentlichen Haushalte für 2017 (über 30 Milliarden). Auch die einkommensstarken Familien sollten stärker zur Kasse gebeten werden. In zahlreichen Umfragen geben sie an, dass sie durchaus gewillt sind, mehr Gebühren zu zahlen, wenn dadurch die Qualität der Kitas verbessert wird. Man sollte sie beim Wort nehmen.

Die Gefahr ist groß, dass die Politik im Bereich der frühkindlichen Bildung nicht genug tut und dies die Ungleichheit bei Bildungschancen noch weiter verschärft. Dabei zeigen die große Zahlungsbereitschaft und die geringe Zufriedenheit über die eigenen Mitgestaltungsmöglichkeiten, dass Eltern den Status quo immer stärker ablehnen.

Handelt die Politik nicht, dann werden immer mehr einkommensstarke Eltern versuchen, ihre Kinder in private Kitas unterzubringen. Für andere Eltern ist dies keine Option, da private Einrichtungen im Durchschnitt 40 Prozent mehr Gebühren fordern als öffentliche. Die Schere in der frühkindlichen Bildung würde sich so weiter öffnen. Das Ergebnis ist eine noch geringere Chancengleichheit und eine zunehmende Polarisierung der deutschen Gesellschaft.

Schulen sind gebührenfrei, wieso Kitas nicht?

Langfristig ist das Ideal der gebührenfreien Bildung sicherlich begrüßenswert. Dabei verstrickt sich Deutschland zurzeit jedoch in einen großen Widerspruch: Schulen und Hochschulen sind gebührenfrei, Kitas nicht. Und das obwohl Kitas eine weitaus höhere sogenannte Bildungsrendite abwerfen als Schulen und Hochschulen. Die Tatsache, dass 70 Prozent Akademikerkinder, aber nur 20 Prozent der Nicht-Akademiker-Kinder zur Universität gehen, unterstreicht die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Diese fehlende Chancengleichheit geht maßgeblich auf die mäßige und ungleiche Qualität der Kitas zurück. Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Politik endlich die zentrale Bedeutung der frühkindlichen Bildung erkennt. Und auch so handelt.

Anstelle das Füllhorn für Einkommensteuersenkungen auszuschütten, sollte die neue Bundesregierung eine hohe Priorität auf ein besseres und inklusiveres Bildungssystem legen. Sie sollte sich bei Kitas die Verbesserung der Qualität, die Ausweitung des Angebots für Kinder unter drei Jahren und die Befreiung von Gebühren für einkommensschwache Familien als Ziel nehmen. Nur so kann sie die Gleichheit der Bildungschancen wieder etwas verbessern und eine weitere gesellschaftliche Spaltung vermeiden.

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