Ungleichheit ZEIT Kolumne

Umverteilung allein hilft nicht

Diese Kolumne von Charlotte Bartels und Marcel Fratzscher ist am 22. Dezember in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Die Einkommensungleichheit in Deutschland ist heute so hoch wie vor 100 Jahren, und höher als jemals sonst in der Nachkriegszeit. Das ist eines der Resultate des World Inequality Reports, einer neuen Studie zur globalen Ungleichheit von 100 internationalen Forschern unter Leitung des französischen Ökonomen Thomas Piketty, an der auch das DIW Berlin beteiligt war. Die Ergebnisse zeigen, dass die Politik dringend umdenken muss, um die Ungleichheit auf ein gesundes Maß zu beschränken und dadurch die Teilhabemöglichkeiten aller Bürgerinnen und Bürger zu verbessern.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Zwar hat die Ungleichheit zwischen den Staaten abgenommen. Schwellenländer wie China holten auf und verringerten so den Abstand zu den reichen Ländern in Europa und Nordamerika. Aber innerhalb der Gesellschaften ist die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen seit den 1960er Jahren fast überall massiv gewachsen. Seitdem sind die Einkommen der unteren Hälfte im Vergleich zur oberen Hälfte gesunken, statt zu steigen.

So ist es auch in Deutschland. Der Anteil der Markteinkommen der unteren 50 Prozent, also der Hälfte mit den geringsten Einkommen, hat sich gegenüber der besser verdienenden Hälfte der Bevölkerung seit den 1960er Jahren fast halbiert: von über 30 Prozent auf heute 17 Prozent des gesamten Einkommens in Deutschland. Die oberen zehn Prozent dagegen haben ihren Anteil auf 40 Prozent erhöhen können.

Die Studie nennt verschiedene Gründe für die starke Zunahme der Ungleichheit in fast allen Ländern. Eine Erklärung liegt in der Privatisierung öffentlicher Vermögen, wie Immobilien, Land und staatlicher Unternehmen. Zwar ist eine solche Privatisierung per se nicht schlecht, da private Unternehmen häufig besser und effizienter wirtschaften und innovativer sind als eine staatliche Planwirtschaft. Aber nach einer Privatisierung ist meistens nicht sichergestellt, dass die öffentliche Hand, und damit die Bürgerinnen und Bürger, eine Teilhabe am Erfolg der privaten Unternehmen haben.

Auch der technologische Wandel spielte in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine große Rolle. Denn Menschen mit guter Qualifikation und Netzwerken konnten diesen Wandel in einer immer globaleren Welt mit einem zunehmenden Welthandel eher für sich nutzen als die schlechter Qualifizierten und Vernetzten.

Leugner in Deutschland

In fast allen Ländern werden diese Fakten zur Ungleichheit akzeptiert. In Deutschland leugnen hingegen einige, unter anderem auch der Sachverständigenrat, die Zunahme der Einkommensungleichheit. Einer der Einwände ist, seit 2005 sei die Einkommensungleichheit in Deutschland stabil geblieben und nicht weiter gestiegen. Das ist faktisch zwar nicht falsch, aber wenig aussagekräftig und eine höchst selektive Sichtweise, da 2005 ein Krisenjahr für Deutschland war mit einer Rekordarbeitslosigkeit von über fünf Millionen Arbeitslosen. Es als Bezugspunkt zu wählen, verzerrt die Sichtweise. Am langfristigen Trend der steigenden Einkommensungleichheit ändert die Einbeziehung dieses Krisenjahres jedoch nichts.

Ein zweiter Einwand ist, dass diese Studie die Markteinkommen und nicht die verfügbaren Einkommen, also inklusive Steuern und Transferleistungen, betrachtet. Fakt ist aber, dass sogar die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat, obwohl der deutsche Staat über die Jahrzehnte einen immer höheren Anteil der Wirtschaftsleistung für Transferleistungen der Sozialsysteme aufbringt.

In anderen Worten: Obwohl der Staat versucht, die Ungleichheit der Einkommen durch Steuern und Transfers zu reduzieren, gelingt ihm dies dauerhaft nicht. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht nur die verfügbaren Einkommen zu analysieren, sondern die Ungleichheit der Markteinkommen, wie es der World Inequality Report gemacht hat. Die Ungleichheit der Markteinkommen ist ein Maß für die Chancengleichheit, wohingegen die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen eher ein Maß für die Größe des Sozialstaats ist.

Mehr Chancengleichheit durch Bildung und Steuerreform

Während die verfügbaren Einkommen in Deutschland also nicht ungleicher verteilt sind als in anderen Industrieländern, zählt die Ungleichheit bei den Markteinkommen hierzulande zu den höchsten aller Industrieländer und ist fast so hoch wie in den USA. Das reflektiert eine geringe Chancengleichheit und damit auch eine niedrige soziale Mobilität in Deutschland – aus zwei Gründen:

Erstens stammt das Einkommen der Spitzenverdiener in Deutschland überwiegend aus Unternehmensbesitz. Mehr als 80 Prozent dieser Unternehmen befinden sich in der Hand von Familien, die diesen Besitz dank großzügiger Ausnahmeregelungen der Erbschaftsteuer fast steuerfrei an die nächste Generation weitergeben können. Zweitens hängen Bildungschancen und Einkommen der Kinder in Deutschland ungewöhnlich stark von Einkommen und Bildung der Eltern ab. So sind auch die Aufstiegschancen für Menschen im Arbeitsmarkt hierzulande häufig geringer als in anderen Industrieländern. Und es gibt eine ungewöhnlich starke Diskriminierung für einzelne gesellschaftliche Gruppen in Deutschland. So werden vor allem Frauen in Deutschland im Arbeitsmarkt stärker diskriminiert als anderswo – der Gender-Pay-Gap zählt mit 22 Prozent mit zu den höchsten aller Industrieländer.

Dies zeigt, dass der Versuch, die steigende Ungleichheit der Markteinkommen ausschließlich durch mehr Umverteilung zu lösen, gescheitert ist. Kein Geld der Welt, keine finanzielle Transferleistung wird je die fehlenden Chancen in der Bildung, Qualifizierung und im Arbeitsmarkt kompensieren können. Deshalb braucht es ein Umdenken in der deutschen Politik, die viel mehr als bisher in Chancengleichheit investieren muss. Das erfordert eine Investitionsoffensive in Bildung, Qualifizierung und Teilhabe, die gezielt auf die Menschen ausgerichtet ist, die diese Unterstützung benötigen.

Mehr Gerechtigkeit und mehr Effizienz

Auch das Steuersystem muss sich ändern. Es darf Vermögen nicht so stark entlasten und Einkommen aus Arbeit so stark belasten, wie das in Deutschland der Fall ist. Kaum ein Land besteuert Vermögen so wenig und Einkommen auf Arbeit so stark. Dabei geht es in erster Linie nicht um Gerechtigkeit, sondern um wirtschaftliche Effizienz. Denn wenn Arbeit sich wieder mehr lohnt, gerade für Menschen mit geringen Qualifikationen und Einkommen, dann werden diese Menschen auch mehr am Arbeitsleben teilnehmen und mehr in ihre Bildung und Qualifizierung investieren können. Eine zu hohe Konzentration von Ressourcen in wenigen Händen kann außerdem dazu führen, dass die wohlhabenden Unternehmer, um ihr Risiko zu senken, sich auf den Erhalt ihres Vermögens konzentrieren und nicht mehr in die Entwicklung innovativer Produkte investieren.

Die neue Studie zur weltweiten Einkommensungleichheit sollte ein Weckruf für die Diskussion hierzulande sein. Wir sollten uns ehrlich eingestehen, dass die Ungleichheit in Deutschland nicht der Kollateralschaden einer funktionierenden Marktwirtschaft ist, sondern vor allem die Folge einer fehlenden Chancengleichheit, die nicht einfach hingenommen werden darf. Eine Investitionsoffensive in Bildung, Qualifizierung und Teilhabe wie auch ein ausgewogenes Steuersystem sollten daher wichtige Prioritäten für die neue Bundesregierung sein.

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