Geld- und Finanzmärkte Wirtschaftspolitik

Von Schulden und Blasen

Dieser Text ist am 9. Januar als Gastbeitrag auf handelsblatt.com erschienen.

Das Jahr 2018 wird das Jahr des Hundes nach dem chinesischen Kalender. Wird es für China vielleicht auch das Jahr der Finanzkrise? Viele mag diese Frage überraschen, denn Chinas Wirtschaft läuft beeindruckend gut. Tatsache ist aber, dass noch kein einziges Schwellenland den Übergang zur Industrienation ohne tiefgreifende Finanzkrise geschafft hat. Trotz und gerade auch wegen der Euphorie über Chinas Wirtschaftswunder mehren sich die Ungleichgewichte und Risiken, die China in absehbarer Zeit in eine Finanzkrise treiben könnten – mit fatalen Folgen für das Land und für die Weltwirtschaft.

Die Geschichte der Finanzkrisen von der holländischen Tulpenkrise im 17. Jahrhundert über die Große Depression in den 1930er-Jahren bis hin zu den Schuldenkrisen der Schwellenländer und der globalen Finanzkrise 2007/08 zeigt, dass jede Finanzkrise anders ist. Gemeinsam ist vielen dieser Krisen aber, dass sie in Zeiten der Euphorie und Sorglosigkeit eingesetzt haben, wenn man am wenigsten damit gerechnet hat.

Im Oktober sprach der chinesische Zentralbankgouverneur Zhou eine ungewöhnlich harsche Warnung aus: Während der Kongress der Kommunistischen Partei in Euphorie schwelgte, der Inthronisierung von Präsident Xi Jinping sei Dank, warnte Zhou vor einem „Minsky Moment“. So nennt die Wirtschaftswissenschaft eine Situation, in der übertriebener Optimismus zu einem nicht nachhaltigen Wirtschaftsboom beiträgt, der ultimativ in einer Krise enden kann.

Chinas Wirtschaftspolitik hat große Stärken und Sicherheitsmechanismen. So hat Peking vermieden, seine Kapitalmärkte zu schnell zu öffnen und die Währung zu liberalisieren. Die Regierung kann die Wirtschaft durch gezielte Kreditvergabe stützen – wie sie es erfolgreich während der globalen Finanzkrise tat. Die Zentralbank hält enorme Währungsreserven von fast 3000 Milliarden US-Dollar. Und Peking ist knallhart, wenn es in internationalen Verhandlungen die eigenen Interessen durchzusetzen will.

Gleichzeitig mehren sich die Ungleichgewichte in Chinas Volkswirtschaft. So hat das Land ein riesiges Schuldenproblem, das zum Teil durch den Immobilienboom verursacht wird und von hochverschuldeten Regionalregierungen weiter befeuert wird. Die Banken halten viele faule Kredite, vor allem an Staatsunternehmen. Die Durchführung vieler Mammut-Investitionsprojekte erweist sich als ineffizient. Die Volkswirtschaft ist zudem in einem riesigen Umstrukturierungsprozess, bei dem traditionelle Staatsunternehmen an Bedeutung verlieren, Dienstleistungs- und Konsumsektoren dagegen aufgewertet werden.

Zentrales Drehkreuz der globalen Wertschöpfungskette

Die riesige Umgestaltung der chinesischen Wirtschaft seit dem Beginn der Reformen Deng Xiaopings im Jahr 1978 hat viele Opfer gekostet. Innerhalb des Landes sind weit mehr als 100 Millionen Menschen migriert, um Arbeit in den Städten des Ostens zu finden. China hat eines der flexibelsten, aber auch der härtesten marktwirtschaftlichen Systeme, das kaum soziale Sicherungssysteme wie für Rente, Gesundheit oder Arbeitslosigkeit kennt. Von der internationalen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, gibt es jedes Jahr Dutzende von Aufständen und zunehmenden Widerstand von denen, die in diesem harten System nicht mithalten können.

Was wird passieren, wenn die Immobilienblase platzt, Schulden nicht mehr bedient werden können und die chinesische Wirtschaft ihre erste ernste Rezession in 40 Jahren erlebt, bei der viele Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren? Und wie wird eine Finanzkrise in China die Weltwirtschaft beeinflussen?

Einen Vorgeschmack gab es im Sommer 2015 und Anfang 2016, als kleinere Korrekturen in Chinas Finanzmärkten die globale Finanzwelt in Aufruhr versetzten. Viele, gerade auch deutsche Unternehmen haben massiv in China investiert, und ihre Umsätze weltweit hängen immer stärker von der Nachfrage in dem Land ab.

China ist zudem zu einem zentralen Drehkreuz in den globalen Wertschöpfungsketten geworden. Nicht zuletzt produziert das Land Seltene Erden, die für eine Reihe von Produkten, von Handys bis zu Baustoffen, unentbehrlich sind. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass eine Finanzkrise in China die Weltwirtschaft zutiefst destabilisieren würde. Jede Finanzkrise ist anders und schwer vorhersehbar. Vieles spricht jedoch dafür, dass China ultimativ eine Finanzkrise erleben wird. Der Zeitpunkt könnte früher kommen, und die Auswirkungen für die Weltwirtschaft, gerade für die sehr von China abhängige deutsche Wirtschaft, könnten härter sein als befürchtet.

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