Ungleichheit ZEIT Kolumne

Kein Roboter kann die Altenpflegerin ersetzen

Dieser Beitrag ist am 12. Januar in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Technologischer Wandel und Digitalisierung stellen unsere Gesellschaft vor gewaltige Herausforderungen: Das erkennen Union und SPD an, die diese Woche eine große Koalition sondieren.

Doch welche Folgen diese Umwälzungen haben werden und wie Gesellschaften damit umgehen, das scheint vielen noch nicht klar zu sein. Während die einen prophezeien, die Digitalisierung werde viele Millionen Jobs zerstören und zu einer hohen Arbeitslosigkeit führen, sehen andere darin eine riesige Chance, um die Arbeit vieler Millionen Menschen besser und menschenwürdiger zu machen, auch in Deutschland.

Fakt ist schon heute, dass der technologische Wandel die wichtigste Erklärung für die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist und sich in der Zukunft deutlich beschleunigen wird. Es gibt jedoch keinen Grund für Panik. Entscheidend ist, dass die Teilhabe am technologischen Wandel nicht nur einigen wenigen vorenthalten ist, sondern allen offensteht. Die Politik hat dafür die Instrumente, muss aber endlich anfangen, einen konkreten Plan zu entwickeln und umzusetzen.

Die Angst der Abgehängten

In Wissenschaft und Politik malen viele ein düsteres Bild des technologischen Wandels: Er hänge immer mehr Menschen ab, die am Ende in Armut und Arbeitslosigkeit landen. Es ist ein Bild, in der die Arbeitswelt von morgen von Maschinen und einigen wenigen hoch qualifizierten Menschen dominiert wird. Es ist ein Bild der wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung, das die liberale Demokratie gefährdet und zerstören könnte.

Die Lösung sehen manche – wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und der deutsche Vorstandschef Joe Kaeser von Siemens – in einer Ruhigstellung der Abgehängten durch einen größeren Sozialstaat und mehr Transferleistungen. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, bei dem niemand arbeiten muss, um die minimale Lebensgrundlage für Wohnen, Essen und soziale Versorgung sicherstellen zu können, wird immer wieder diskutiert. Solche Lösungen sind letztlich nicht mehr als das Eingeständnis, dass eine Mehrheit wegen des technologischen Wandels verlieren wird. Eine solche Kapitulation wäre ein Armutszeugnis für eine moderne Demokratie und für unseren Gesellschaftsvertrag – die soziale Marktwirtschaft.

Kaum Einfluss der Globalisierung

Bereits heute ist der technologische Wandel der wichtigste Grund für die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen, wie unter anderem eine Studie der OECD zeigt. Dagegen erklärt die Globalisierung durch Handel und Finanzmärkte nur einen sehr kleinen Teil der gestiegenen Einkommensungleichheit in den Industrieländern in den vergangenen 30 Jahren. Diese Fakten widersprechen den Globalisierungsgegnern, die die Globalisierung gerne zum Sündenbock für die zunehmende wirtschaftliche und soziale Spaltung machen wollen.

Der technologische Wandel hat die Gesellschaft und Arbeitswelt in Europa bereits seit mehr als 200 Jahren stetig und grundlegend verändert. Seit Beginn der industriellen Revolution bestand die berechtigte Sorge, dass die neuen Technologien viele Arbeitsplätze zerstören und Menschen zwingen, sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Dabei gab es immer Verlierer und wird sie auch in Zukunft immer geben.

Trotzdem würde niemand bezweifeln, dass sich die Lebensqualität aller Menschen im Vergleich zu vor 30 oder 50 Jahren verbessert hat. Technologischer Fortschritt in der Medizin hat die Gesundheit deutlich verbessert und die Lebenserwartung massiv erhöht. Er hat der großen Mehrheit weltweit humanere Arbeitsbedingungen verschafft.

Wir können aber sicher sein, dass sich der technologische Wandel, vor allem durch die zunehmende Digitalisierung der Arbeitsprozesse, in Zukunft beschleunigen wird. Eine der schwierigsten Herausforderungen wird daher nicht der technologische Wandel per se sein, sondern dessen Geschwindigkeit. Das wird zu großen Disruptionen führen, Menschen, Regionen und Wirtschaftszweige werden nicht wie bisher Jahrzehnte Zeit haben, um den Wandel zu gestalten, sondern häufig nur wenige Jahre.

Das Tempo des Wandels ist das Problem

Für gut ausgebildete und qualifizierte Menschen bedeutet der technologische Wandel eine Chance, etwas Neues zu lernen und sich beruflich zu verbessern. Viele, gerade weniger qualifizierte Menschen, verstehen diese Erwartung von Qualifizierung und lebenslangem Lernen jedoch nicht als Chance, sondern vielmehr als Bedrohung. Denn sie schafft Unsicherheit und das Risiko, in recht kurzer Zeit viele Jahre der wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der eigenen Arbeit zu verlieren.

Der technologische Wandel ist daher nicht nur eine Bedrohung für eine kleine Minderheit, sondern für eine Mehrheit unserer westlichen Gesellschaften. So zeigt eine OECD-Studie, dass gerade in Deutschland – durch die hohe Bedeutung der Industrie, in der relativ viele Bereiche vergleichsweise leicht automatisiert werden können – ungewöhnlich viele Jobs gefährdet sind. Es sind also gerade die Jobs der heutigen Mittelschicht, die in der Zukunft noch viel stärker unter Druck geraten werden. Dies wird unweigerlich den Trend der schrumpfenden Mittelschicht und der zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung unserer Gesellschaft beschleunigen und vertiefen.

All dies klingt bedrohlich, für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Aber dieses Bild blendet die vielen Möglichkeiten und positiven Entwicklungen aus, die durch den technologischen Wandel entstehen werden. Der digitale Wandel ist auch eine große Chance: Er wird es mehr Menschen ermöglichen, einer Tätigkeit nachzugehen, die das in den Mittelpunkt stellt, was uns als Mensch ausmacht, nämlich Empathie und Kreativität. Digitalisierung und Automatisierung können besonders gut körperliche und vergleichsweise mechanische Tätigkeiten ersetzen. Was sie kaum werden ersetzen können, ist die menschliche Wärme und Empathie.

Eine Altenpflegerin hat zum Beispiel eine gute Ausbildung und eine enorm verantwortungsvolle Aufgabe. Sie kümmert sich um Menschen, die Hilfe benötigen, sie entlastet Familienmitglieder. Kein Roboter, keine noch so modernen Geräte werden die persönliche Ansprache und die menschliche Wärme der Pflegerin ersetzen können. Dies wird stark an Bedeutung in einer Zukunft gewinnen, in der zwar materielle Güter für viele leicht zu ergattern sind, im Zuge des demografischen Wandels aber immer mehr Menschen immaterielle Hilfe im Alter benötigen. In einer Welt also, in der der tägliche Kampf um die materielle Grundsicherung weniger im Vordergrund steht, können Menschen sich mehr auf die Aspekte des menschlichen Zusammenlebens konzentrieren, die uns als Menschen ausmachen. Die Arbeit von heute schlecht bezahlten Arbeitnehmern in Dienstleistungssektoren wird so an Bedeutung und Wertschätzung gewinnen. Um bei der Altenpflegerin zu bleiben: Jemand, der auf Hilfe angewiesen ist (oder seine Angehörigen), wird viel mehr geben wollen und können, um gepflegt zu werden, als dies vor 30 oder 50 Jahren der Fall sein konnte.

Viele typische Industriejobs, die heute gut bezahlt sind, werden allerdings an Bedeutung verlieren und die, die sie ausüben, werden vielleicht nicht mehr der Mittelschicht angehören. Dafür werden im Gegenzug viele Dienstleister den Aufstieg in die Mittelschicht schaffen. Fast jeder würde schon heute befürworten, dass die Tätigkeit einer Altenpflegerin ideell und finanziell deutlich besser wertgeschätzt werden müsste.

Geistige Arbeit dominiert über körperliche

Damit einher geht eine grundlegende Veränderung der Definition von Arbeit. Bereits heute kämpfen viele Menschen mit der zeitlichen, räumlichen und mentalen Abgrenzung von Arbeit und Privatleben. Handys und Tablets führen dazu, dass jeder Mensch immer und überall erreichbar ist und somit zumindest potenziell jederzeit arbeiten kann. Die Dominanz der geistigen Arbeit über die körperliche Arbeit führt für viele Menschen dazu, dass sie ständig arbeitsrelevanten Reizen und Informationen ausgesetzt sind.

Eine damit verbundene Sorge ist, dass Automatisierung und Digitalisierung zwar viele Jobs zerstören, aber nicht ausreichend neue Tätigkeiten schaffen, sodass ein Anstieg der Arbeitslosigkeit das unweigerliche Ergebnis sein könnte. Das aber setzt eine traditionelle Definition von Arbeit voraus. Der technologische Wandel wird dazu führen, dass viele neue Jobs für zwischenmenschliche Tätigkeiten, für Dienstleistungen entstehen. Nicht nur beispielsweise pflegerische oder pädagogische Tätigkeiten, sondern auch viele kreative Berufe werden an Bedeutung zunehmen. Und durch den materiellen Wohlstand werden diese Tätigkeiten nicht nur ideell, sondern auch finanziell an Wertschätzung gewinnen. Dies ist bereits eine Entwicklung der vergangenen 50 Jahre – wenn man beispielsweise die zunehmende Anzahl der Künstler betrachtet –, die sich in den nächsten 30 Jahren nochmals beschleunigen wird.

Der technologische Wandel wird also nicht nur Arbeitsplätze kosten, sondern für viele Menschen große Chancen eröffnen. Damit möglichst alle an der Arbeitswelt teilhaben können, muss die Politik noch viele Weichen stellen – im Bildungsbereich ebenso wie bei Steuerfragen. Dazu mehr in den nächsten Verteilungsfragen.

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