Migration ZEIT Kolumne

Blue Card: Wir sind doch längst ein Einwanderungsland

Dieser Beitrag ist am 3. August in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

„Lieber Kinder als Inder“. Vor etwa 15 Jahren machte dieser schlimme Spruch die Runde. Er sollte ausdrücken, dass Deutschland nicht auf Zuwanderung angewiesen sein, sondern seine demographischen Probleme allein lösen will. Mittlerweile ist es Konsens, dass Deutschland die Zuwanderung braucht, um seinen wirtschaftlichen Wohlstand und seine Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren.

Ironischerweise bilden gerade Inderinnen und Inder die größte Gruppe derer, die über den Mechanismus der „Blauen Karte“ (Blue Card) der EU als Fachkräfte nach Deutschland gekommen sind. Es braucht aber in Deutschland ein grundlegendes Umdenken zur Zuwanderung: Wir müssen uns in eine offene Gesellschaft verwandeln, damit unser Land in Zukunft für Fachkräfte aus aller Welt attraktiv bleibt.

Fakt ist: Ohne die starke Zuwanderung wäre das Beschäftigungswunder der vergangenen zehn Jahre nicht möglich gewesen. Die Anzahl der Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter schrumpft. Fast die Hälfte aller zusätzlichen Arbeitsplätze, die in den vergangenen zehn Jahren geschaffen wurden, sind von Migrantinnen und Migranten besetzt worden. Die andere Hälfte haben hauptsächlich Frauen und ältere Menschen besetzt, deren Erwerbsquoten stark angestiegen sind. Die meisten Zuwanderer kamen aus anderen europäischen Ländern. Fast 300.000 Europäerinnen und Europäer ziehen jedes Jahr nach Deutschland, um hier zu leben, zu arbeiten und Teil unserer Gesellschaft zu werden – und dies ist eine Nettozahl, nach Abzug der Zahl derer, die aus Deutschland in andere europäische Länder auswandern. Die Zahl der europäischen Zuwanderer und Zuwanderinnen ist also um ein Vielfaches höher als die Zahl der Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind.

Nur Einwanderung hilft gegen den Fachkräftemangel

Trotzdem wird das Problem des Fachkräftemangels in Deutschland immer größer. Es schadet zunehmend Unternehmen, welche offene Stellen nicht besetzen und damit Aufträge nicht annehmen können – zum Nachteil nicht nur der Firmen, sondern auch vieler dort beschäftigter (deutscher) Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es gibt mittlerweile über eine Million offener Stellen in Deutschland. Das zeigt, wie groß die Herausforderung im Arbeitsmarkt bereits heute ist.

81.000 Zuwanderer aus nicht-EU-Ländern sind in den vergangenen 15 Jahren als Fachkräfte über die Blue Card nach Deutschland eingewandert. Diese Zahl ist vergleichsweise gering. Mehr als ein Viertel von ihnen kam aus Indien, viele kamen auch aus China, Russland, den USA und der Türkei – so die jüngsten Statistiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Und fast 85 Prozent dieser Menschen haben sich für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland entschieden.

Deutschland wird in Zukunft viel stärker auf Menschen von außerhalb Europas angewiesen sein, um offene Stellen füllen zu können – spätestens dann, wenn die Wirtschaft in den anderen europäischen Ländern nach Jahren der Krise wieder anzieht. Im Augenblick profitiert Deutschland noch von der wirtschaftlichen Misere in vielen Teilen Europas, die viele Europäerinnen und Europäer hierher treibt. Das Bild könnte sich jedoch sehr schnell wieder ändern und die Zuwanderung zu einer Abwanderung in die EU werden. Das war etwa Anfang der Nullerjahre der Fall.

Deutschland braucht nicht nur hochqualifizierte Einwanderer

Damit dies gelingt, muss sich in Deutschland einiges ändern. Zum einen brauchen wir ein Umdenken darüber, welche Arbeitskräfte wir benötigen und anwerben wollen. Wir denken in Deutschland oft, nur hochqualifizierte und gutverdienende Hochschulabsolventinnen und -absolventen sollten als Fachkräfte in Frage kommen. So erfordert die Blue Card von potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern ein Jahreseinkommen von mindestens 52.000 Euro. Ärzte und Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aus MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) können auch bereits mit einem Gehalt von 40.000 Euro im Jahr kommen.

Ein Altenpfleger kommt jedoch auf kein solches Gehalt. Es gibt aber gerade in der Pflege einen riesigen Bedarf an Fachkräften, der nur über eine starke Zuwanderung gelöst werden kann, selbst wenn nun längst überfällige Verbesserungen beim Einkommen und den Arbeitsbedingungen dieser Branche auf den Weg gebracht werden. Ähnliches gilt für viele andere Berufe im sozialen, aber auch in anderen Bereichen. Kurzum, wir benötigen dringend ein Umdenken dahin, dass eben nicht nur Menschen mit hohen Einkommen einen wichtigen Beitrag leisten, sondern gerade auch Menschen, die einen für unsere Gesellschaft wichtige Tätigkeit übernehmen, selbst wenn sie nicht gut bezahlt ist.

Die Blue Card als Vorbild

Auch sollten die Bedingungen für die Niederlassung in Deutschland für nicht-EU-Bürgerinnen und -Bürger attraktiver gemacht werden. So gibt beispielsweise die Blue Card den Eingewanderten klare Rechtssicherheit, sich nach 33 Monaten in Deutschland niederlassen zu können. Auch der Familiennachzug wird erleichtert. Dies macht Deutschland nicht nur attraktiver für Fachkräfte, sondern unterstützt auch deren Integration in Deutschland. Übrigens betrifft dies nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte, sondern alle Menschen, auch Geflüchtete, von denen wir erwarten, dass sie sich in Deutschland integrieren. Deshalb sollten alle Menschen, die in Deutschland leben dürfen, eine solche klare und langfristige Perspektive erhalten, nicht nur einige wenige.

Wenn Deutschland in Zukunft attraktiv für Fachkräfte sein und motivierte und gut qualifizierte Menschen nach Deutschland bringen will, dann erfordert dies auch einen grundlegenden Wandel in eine offenere, tolerante Gesellschaft. Denn Deutschland ist für sie – so zeigen viele Studien –  zumindest im nordeuropäischen Vergleich ein wenig attraktives Land. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die stetige Polemik von einigen politischen und gesellschaftlichen Kräften werden auch im Ausland sehr wohl wahrgenommen.

Es braucht vor allem ein Einwanderungsgesetz, das die unterschiedlichen Richtlinien und Gesetze vereinheitlicht und verbindet, sodass es leichter und transparenter wird, dass sich Kandidatinnen und Kandidaten für Deutschland entscheiden. Es ist richtig, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht bereits jetzt vergleichsweise liberale Zuwanderungsgesetze hat. Aber ein klares Bekenntnis für Zuwanderung, mit allen Pflichten, die dazu gehören, wäre ein wichtiges Signal sowohl nach außen als auch nach innen. Die Blue Card der EU macht vor, wie einige Elemente eines erfolgreichen Einwanderungsgesetzes aussehen könnten.

 

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