Geldpolitik Ungleichheit ZEIT Kolumne

Mehr Fairness bei Erbschaften

Dieser Beitrag ist am 8. November in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Erben ist ein emotionales Thema. Es führt häufig zu Streit in der Familie, nicht nur über die Verteilung des Erbes, sondern auch über Wertschätzung und Identität. Und es spaltet unsere Gesellschaft, da es kaum etwas gibt, das ungleicher verteilt ist, bei dem einige sehr viel und viele wenig oder nichts erhalten. Leider endet die Auseinandersetzung um das Thema Erben allzu häufig in einer Neiddebatte und ignoriert, worum es wirklich gehen sollte: wie alle von einem Erbe profitieren können.

Die Zahlen sind beeindruckend: Jährlich werden in Deutschland knapp 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, meist innerhalb der Familie und meist von der älteren an die jüngere Generation. Mehr als 50 Prozent des heute in Deutschland vorhandenen privaten Vermögens beruhen auf Erbschaften und Schenkungen. Die Bedeutung dieser Zahlen kann kaum überschätzt werden. Sie besagen, dass wir Deutschen heute finanziellen Wohlstand häufiger durch ein Geschenk oder ein Erbe aufbauen konnten als mit der eigenen Hände Arbeit. Und dieses Ungleichgewicht wird in Zukunft weiter zunehmen, da viele der Deutschen der Nachkriegsgeneration nun ihre Lebensleistung und ihren Wohlstand an die nächste Generation weitergeben.

Hinzu kommt, dass der überwiegende Teil der Menschen, die das Glück hatten, zu erben, bereits ein gutes Einkommen und eine gute Bildung haben. Vor allem deshalb, weil Bildung und Einkommen in Deutschland im internationalen Vergleich ungewöhnlich stark von den Eltern abhängen. Kurzum, es sind meist bessergestellte Menschen, die das Glück haben, zu erben.

Viele empfinden dies als ungerecht mit dem Argument, finanzieller Wohlstand solle in einer sozialen Marktwirtschaft wie der unseren von der eigenen Leistung und nicht von Glück abhängen. Die Mehrheit der Deutschen empfindet Leistungsgerechtigkeit als essenzielle Grundlage unserer Gesellschaft und steht einer Verteilung von Wohlstand per Zufall ablehnend gegenüber, so eine neue Studie. Gleichzeitig empfinden aber viele das Erben als gerecht, da es dem Wunsch der Menschen entspricht, über ihr Vermögen frei entscheiden zu können.

Deutschland ist, was das Erben betrifft, auch von der Mentalität her eher ungewöhnlich. In den USA heißt es, ein Mensch hätte ein verantwortungsvolles und respektables Leben geführt, wenn er oder sie in Reichtum lebt und in Armut stirbt – also während des Lebens durch eigene Arbeit viel Vermögen aufbaut, aber den größten Teil dieses finanziellen Wohlstands zu Lebzeiten auch wieder an die Gesellschaft zurückgibt. In Deutschland ist es eher umgekehrt. Es ist hoch angesehen, mit Bescheidenheit zu leben, aber in Reichtum zu sterben. Was natürlich kaum möglich ist. Trotzdem gilt es vielen Menschen als Pflicht, ihren Kindern und Enkelkindern eine gute finanzielle Absicherung zu hinterlassen.

Dies zeigt, dass Erben ein ganz essenzieller Teil unserer Identität und unseres Gesellschaftsvertrages ist. Die junge Generation hat die Pflicht, über starke und leistungsfähige soziale Sicherungssysteme die ältere Generation abzusichern und zu versorgen. Die ältere Generation hat die Aufgabe, der jüngeren eine intakte Wirtschaft und Gesellschaft, und damit auch ihr Vermögen, zu hinterlassen.

Daher gibt es gute Gründe, den Wunsch der älteren Generation zum Vererben und Verschenken zu respektieren. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen heute den Lebensstandard ihrer Eltern häufig nicht mehr halten können. Mieten und Wohnpreise in den Städten steigen stark an. Kaum eine junge Familie kann sich noch durch eigene Arbeit ein Eigenheim leisten. So hat beispielsweise Berlin eine Eigentümerquote von nur 15 Prozent.

Ein Lebenschancenerbe für alle

Daher ist Erben per se nicht ungerecht. Ungerecht ist jedoch, dass die Erbschaftssteuer in Deutschland solche Menschen deutlich besserstellt, die viel erben. So werden sehr große Vermögen von über zehn Millionen Euro meist in Form von Unternehmensübertragungen weitergegeben und blieben deshalb aufgrund von Sonderregelungen in den vergangenen Jahren in Deutschland weitgehend unbesteuert – für sie fallen im Durchschnitt lediglich ein Prozent Erbschaftssteuer an. Menschen mit einem geringeren Erbe dagegen haben mehr als zehn Prozent Steuern bezahlt. Diese ungleiche Besteuerung wird in der Tat von vielen als ungerecht und auch wirtschaftlich als schädlich betrachtet.

Um Gerechtigkeit beim Erben herzustellen, sollten wir uns als Gesellschaft daher nicht darüber streiten, wie man den Erben etwas wegnehmen kann, sondern wie alle von einem Erbe profitieren und dadurch ihre Startchancen ins Familienleben oder Berufsleben verbessern können.

Zu Erben ist ein Glück und ein Privileg

Wieso sollen nicht alle Menschen Erben sein? Die Idee eines Lebenschancenerbes (siehe Kolumne Ein Chancenerbe für alle vom 29. Dezember 2017) verfolgt genau dieses Ziel. Nach diesem Modell würde jeder junge Mensch im Alter von 21 Jahren nach dem ersten Berufsabschluss 30.000 Euro auf einem Konto erhalten, über die sie oder er frei verfügen kann für Dinge, die einen gesellschaftlichen Wert haben. Es könnte also für eine Fortbildung, eine Umschulung, eine berufliche Selbstständigkeit oder für Auszeiten für ehrenamtliche oder soziale Tätigkeiten genutzt werden. Und die Menschen könnten selbst darüber entscheiden, wann und wie sie dieses Geld für sich verwenden wollen.

Von einem solchen Lebenschancenerbe würden nicht nur alle Menschen profitieren, sondern es würde ihnen Eigenverantwortung geben, ihr Leben selbst so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Eine solche Eigenverantwortung ist essenziell für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft und für eine von der großen Mehrheit der Menschen empfundene Gerechtigkeit. Und zu finanzieren wäre ein solches Lebenschancenerbe leicht, wenn man auf bestehende Erbschaften einen niedrigen Steuersatz von zehn Prozent (nach Freibetrag) für alle gleich festsetzen würde.

Zu Erben ist ein Glück und ein Privileg. Anstatt Erben für ihr Glück zu bestrafen, sollten wir als Gesellschaft sicherstellen, dass alle jungen Menschen eine solche Chance haben, ihr Leben eigenständig und unabhängig gestalten zu können.

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