Gender Ungleichheit ZEIT Kolumne

Deutschlands erbärmlicher Rückstand bei der Gleichstellung

Dieser Beitrag ist am 4. Januar in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

2017 wurde mit dem Lutherjahr der 500. Geburtstag Martin Luthers mit vielen großen Festen begangen. 2018 hätten wir für unsere Gesellschaft ein mindestens genauso prägendes Ereignis feiern können – das 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts. Abgesehen von einer hochrangigen Feier mit der Bundeskanzlerin, besucht hauptsächlich von Frauen, ist dieser wichtige Jahrestag jedoch untergegangen. Auch wenn es die Gelegenheit gewesen wäre, auf die Bedeutung der Gleichstellung hinzuweisen und auch Errungenschaften zu feiern, so gibt es vielleicht gute Gründe, warum das nicht gemacht wurde. Denn gerade Deutschland hinkt bei der Gleichstellung von Frauen im internationalen Vergleich gewaltig hinterher.

Der offizielle EU Gender Equality Report zeigt, wie weit Europa noch von einer wirklichen Gleichstellung von Frauen und Männern bei Arbeit, Wissen, Macht, Geld, Zeit, Gesundheit und Gewalt entfernt ist. Die positive Botschaft ist, dass Europa in einigen dieser Dimensionen Fortschritte macht. Trotzdem ist das zu langsam und die Benachteiligung von Frauen bleibt noch immer hoch. Dieser internationale Vergleich hilft aber auch, den Fortschritt in Deutschland kritisch einschätzen zu können, denn vergleichbare Länder dienen als gute Benchmark. Hier ist das deprimierende Fazit: Deutschland bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück und schneidet gegenüber den nordischen Ländern, Frankreich oder Großbritannien miserabel ab.

Es lohnt eine genaue Analyse der Zahlen und Fakten. Das Gesamtbild zeigt, dass Deutschland bei der Gleichstellung von Frauen unter dem Durchschnitt aller 28 EU-Länder liegt. Dabei scheinen der Wohlstand einer Gesellschaft und die Gleichstellung von Frauen positiv miteinander zu korrelieren, reichere Länder sind generell fortschrittlicher. Gibt es über diese Korrelation hinaus auch eine Kausalität? Erzeugt mehr Gleichstellung also mehr Wohlstand? Das bejaht eine Reihe von Studien. Deutschland ist hier jedoch eine Ausnahme. Das Land hat zwar eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und stärksten sozialen Sicherungssysteme der EU, hinkt aber bei der Gleichstellung von Frauen hinterher, wie man beispielsweise beim Gender Pay Gap und dem Armutsrisiko sieht. Vieles deutet darauf hin, dass die deutsche Gesellschaft durch eine bessere Gleichstellung an Wohlstand noch gewinnen würde.

Auch bei den Chancen sowie bei Beschäftigung und Einkommen von Frauen im Arbeitsmarkt hinkt Deutschland hinter den meisten anderen europäischen Länder hinterher.

So sind zwar heute über 70 Prozent der Frauen in Deutschland berufstätig, wobei dieser Anstieg in Westdeutschland auch mit der Wiedervereinigung und der progressiven Mentalität im Osten zusammenhängt. Aber ungewöhnlich viele Frauen in unserem Land arbeiten in Teilzeit, stecken in atypischen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen und in Branchen, die schlechte Löhne zahlen. Dabei geben viele Frauen an, gerne mehr arbeiten zu wollen, dies aber durch fehlende Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur oder hohe Hürden im Arbeitsmarkt nicht zu können.

Bei den Löhnen ist der Gender Pay Gap in Deutschland mit am höchsten in Europa. Geringere Löhne, eine schlechte Absicherung, eine niedrigere Arbeitszeit und das Steuersystem – durch das Frauen in Deutschland deutlich mehr Einkommensteuer zahlen als Männer mit dem gleichen Bruttolohn, Stichwort Ehegattensplitting – führen dazu, dass Frauen deutlich weniger Geld haben. So erhalten verheiratete Frauen ein monatliches Einkommen, das bis zu 40 Prozent unter dem der Männer liegt. Deshalb ist es nicht überraschend, dass 50 Prozent mehr Frauen als Männer ein erhebliches Armutsrisiko haben. In Deutschland ist dieser Unterschied noch größer, zumal bei uns fast 30 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit ihren Kindern von Armut bedroht sind.

Mehr Frauen in Positionen der Macht

Das größte Gleichstellungsdefizit, aber immerhin auch der größte Fortschritt der vergangenen 13 Jahre, liegt in der Dimension Macht. So sind heute deutlich mehr Frauen in Positionen der Macht – in der Politik oder Wirtschaft – als noch 2005. Aber auch hier hinkt Deutschland hinterher, gerade was die mangelhafte Repräsentation von Frauen im Bundestag oder in den Vorständen von Unternehmen betrifft.

Die meisten Leserinnen und Leser denken jetzt vermutlich, diese fehlende Gleichstellung sei ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen, beträfe aber auf keinen Fall die eigene Familie.

Und hier liegt vielleicht die schockierendste Botschaft: In mancher Hinsicht hat sich in puncto Gleichstellung innerhalb der Familien am wenigsten getan. Denn bei der Dimension Zeit – wer betreut die Kinder und andere Familienmitglieder, wer erledigt die Hausarbeit – ist die Gleichstellung nicht nur gering, sie ist seit 2005 sogar rückläufig! Das Kümmern besteht aus meist unentgeltlichen Tätigkeiten, die zwar eine hohe soziale Bedeutung haben, aber den Frauen kein Einkommen und damit verbunden keine Sicherheit geben. Nur jeder dritte Mann verbringt mehr als eine Stunde täglich mit Arbeit im Haushalt und in der Familie, dafür verbringen aber deutlich mehr Männer als Frauen Zeit beim Sport und mit Hobbys.

Jede zweite Frau hat sexuelle Belästigung erlebt

Am deprimierendsten sind die Zahlen zur Gewalt gegenüber Frauen. Diese wurden dieses Jahr zum ersten Mal offiziell für Europa erhoben und vorgestellt. Demnach hat jede dritte Frau über 15 Jahre schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren, meist in der Familie. Jede zweite Frau ist Opfer von sexueller Belästigung gewesen.

Vielleicht ist es richtig, dass das 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts in diesem Jahr nicht allzu überschwänglich gefeiert wurde. Denn auch wenn die Politik in den vergangenen Jahren viele wichtige Initiativen angestoßen hat, so scheint der Weg zur wirklichen Gleichstellung von Mann und Frau noch sehr lang und steinig. Ein Grund mehr für die Politik, das neue Jahr mit guten Vorsätzen und doppelter Anstrengung anzugehen.

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