Gender Ungleichheit ZEIT Kolumne

Freiheit und Gleichheit

Dieser Beitrag ist am 11. Januar in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Bei der Genderfrage muss es um Gleichberechtigung, also Chancengleichheit, und nicht um Gleichstellung, also gleiche Resultate, gehen – so die Kritik an meinen beiden letzten Kolumnen bei ZEIT ONLINE (hier und hier). Man solle also Frauen nicht zu etwas zwingen, was sie nicht wollten, und Männer nicht benachteiligen. Und die Gesetze in Deutschland stellten nun mal sicher, dass alle Menschen in unserem Land die gleiche Wahlfreiheit haben.

Aber stimmt das? Gibt es Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft? Und muss Gleichstellung nicht auch ein zentrales Ziel der Politik sein?

Im Jahr 2009 beauftragte das Bundesfamilienministerium mehrere Forschungsinstitute (darunter auch das DIW Berlin) damit, die familienpolitischen Leistungen zu bewerten mit Bezug auf fünf konkrete Ziele, darunter das Wohl des Kindes, aber auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kurz vor Abgabe des Gutachtens im Jahr 2013 änderte die neue Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kurzerhand die Zielvorgabe, womöglich, weil sie sich über ein kritisches Votum des Gutachtens sorgte: Es sollten nur noch die familienpolitischen Leistungen dahingehend bewertet werden, ob sie die „Wahlfreiheit“ von Familien und Eltern verbesserten.

Wer ist schon gegen Freiheit? Letztlich geht es in unserer liberalen Demokratie gerade darum, was der Staat tun und lassen soll, um jedem Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Freiheit ist jedoch viel mehr als Gleichheit von Menschen vor dem Gesetz. Der britische Philosoph Isaiah Berlin unterschied zwischen positiver Freiheit und negativer Freiheit. So bedeutet „frei sein“ nicht nur die Gleichstellung vor dem Gesetz, sondern auch die Befähigung, Chancen nutzen zu können und keine unüberwindbaren Hürden im Weg zu haben. Natürlich ist dies eine idealtypische Vorstellung von Freiheit, die in der Realität nie und für niemanden erreicht werden kann. Aber Aufgabe des Staates in einer liberalen Demokratie ist es, allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Alter und Herkunft in ähnlicher Weise eine solche Freiheit zu ermöglichen.

Wenn es also wieder und wieder heißt, es könne nur um Gleichberechtigung bei der Genderfrage gehen, dann ist das häufig nur ein scheinheiliges Argument, um eine mangelhafte Chancengleichheit zu leugnen. Denn wie genau will man Gleichberechtigung messen, wenn nicht durch konkrete Maße der Gleichstellung? Ein Beispiel: Acht Prozent der Vorstände der 40 Dax-Unternehmen sind Frauen, 92 Prozent sind Männer. Mancher behauptet, dies sei nicht auf die Diskriminierung von Frauen, sondern auf deren „freie Wahl“ zurückzuführen. Wirklich? Wieso haben dann nordische Länder oder Großbritannien einen doppelt oder dreimal so hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen? Ein anderes Beispiel: In kaum einem anderen europäischen Land ist der Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, so hoch wie in Deutschland. Werden Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt, weil sie dies wollen oder schlecht verhandeln, oder liegt es vielmehr daran, dass es bei der Frage der Bezahlung auch Diskriminierung gibt?

Gleichstellung und Gleichberechtigung bedingen sich

In anderen Worten, Indikatoren der Gleichstellung sind häufig die bestverfügbaren Maße für Gleichberechtigung – gerade wenn sie in internationalen Vergleichen verwendet werden. Dabei bedeutet Gleichstellung keinesfalls in jedem Fall Gleichheit, also beispielsweise, dass Gleichberechtigung in der beruflichen Karriere nur dann vorhanden ist, wenn in allen Unternehmen die Hälfte der Führungskräfte Frauen sind.

Gleichstellung und Gleichberechtigung sind nicht nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Eine Verbesserung der Gleichstellung kann in manchen Fällen dazu führen, dass sich die Gleichberechtigung, also die Chancengleichheit, für Frauen verbessert. So wissen wir, dass Vorbilder und Rollenmodelle enorm wichtig sind. Im Sinne des Freiheitsbegriffs von Isaiah Berlin bedeutet dies, dass es essenziell für Mädchen und junge Frauen ist, gezeigt zu bekommen, dass Frauen in unserer Gesellschaft, genauso wie Männer, jede Rolle einnehmen können.

Lebensumstände sind oft nicht Ergebnis von freien Entscheidungen

Ein dritter blinder Fleck der Kritik ist es, zu ignorieren, dass viele Umstände im Leben eben nicht das Ergebnis freier Entscheidungen sind. Jede dritte Frau in Deutschland hat in ihrem Leben Gewalt erfahren; viele Frauen in Europa haben eine schlechtere gesundheitliche Versorgung als Männer. Es ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft, die Themen Gewalt und Gesundheit anzugehen, um eine wirkliche Gleichstellung – also gleiche Resultate – zu ermöglichen.

Ich habe in meinen beiden vergangenen Kolumnen viele Gleichstellungsindikatoren angesprochen, bei denen Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht abschneidet. Dies liegt sicherlich nicht daran, dass Frauen in Deutschland grundlegend anders sind als in den nordischen Ländern, in Frankreich oder Großbritannien – Ländern, in denen die Gleichstellung weiter vorangeschritten ist als bei uns. Und es liegt auch nicht nur an unterschiedlichen Wertvorstellungen in Bezug auf die Gleichstellung und die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft.

Es gibt eine Reihe von Gesetzen und Maßnahmen, die Frauen hierzulande effektiv benachteiligen, ihnen also hohe Hürden in den Weg stellen und somit eine wirkliche Gleichberechtigung verhindern. Ein Beispiel dafür ist das Ehegattensplitting, das per se keine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen macht, sondern lediglich Partnerschaften steuerlich entlastet. Die Konsequenz ist jedoch, dass Frauen effektiv in Deutschland deutlich mehr Steuern zahlen als Männer mit gleichem Einkommen. Es führt dazu, dass Frauen deutlich weniger oder seltener arbeiten. Dies ist spätestens dann ein Problem für Frauen, wenn sie sich von ihrem Ehemann trennen und den Lebensunterhalt für sich und häufig auch ihre Kinder verdienen müssen. Das Armutsrisiko für alleinerziehende Eltern und ihre Kinder ist in Deutschland ungewöhnlich hoch – und fast 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Das ist auch eine Folge des Ehegattensplittings.

Das Armutsrisiko von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern ist in Deutschland auch so hoch, weil es an einem angemessenen Angebot von Kitas und Schulen mangelt, was es diesen Müttern erschwert, mehr oder überhaupt arbeiten zu können.

Mehr Freiheit und Eigenverantwortung

Natürlich sollte sich der Staat in einer liberalen Demokratie weitgehend aus dem Familienleben und anderen privaten Entscheidungen heraushalten. Gleichzeitig sollten Staat und Gesellschaft auf die Wünsche der Menschen und die sich wandelnden Wertvorstellungen reagieren. So wünschen sich viele Eltern eine gleichere Aufgabenverteilung in der Familie. Mehr und mehr Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und wünschen sich die gleichen Chancen für ihre Partnerinnen wie für sich selbst. Der Staat kann sehr wohl auf diese Wertvorstellungen eingehen und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt und eine Anpassung der Ansprüche auf staatliche Leistungen gewährleisten.

Fakt ist und bleibt, dass Deutschland bei der Gleichstellung von Männern und Frauen im internationalen Vergleich schlecht abschneidet und großen Handlungsbedarf hat. Eine wirkliche Gleichstellung bedeutet, sowohl Frauen als auch Männern mehr Freiheit und Eigenverantwortung zu ermöglichen. Die, die in der Gleichstellung eine Beschränkung von Chancengleichheit sehen wollen, befürchten wohl eher eine Einschränkung ihrer persönlichen Vorteile. Das ist kein legitimer Grund für eine Gesellschaft, allen eine wirkliche Gleichberechtigung zu verweigern.

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.