Bildung und Familie Ungleichheit ZEIT Kolumne

Braucht Deutschland eine Kitapflicht?

Dieser Beitrag ist am 25. Januar in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Die Bundesregierung hat vor einigen Wochen ein „Gute-Kita-Gesetz“ beschlossen. Zusätzliche 5,5 Milliarden Euro sollen bis 2022 vom Bund in die Verbesserung der Kitas fließen.  Das Gesetz ist ein Anfang, muss aber deutlich verbessert werden, vor allem hinsichtlich der Sicherung von qualitativen Mindeststandards. Was in dieser Diskussion jedoch gerne vergessen wird: Mehr als 100.000 der Drei- bis Sechsjährigen besuchen zurzeit gar keine Kita.

Diese Kinder kommen vor allem aus Familien mit geringeren Einkommen, mit wenig Bildung und mit Migrationshintergrund, und würden erheblich vom Besuch einer Kita profitieren. Die Frage in dieser wichtigen Diskussion sollte daher sein: Wie kann unsere Gesellschaft auch diesen Kindern den Kitabesuch ermöglichen?

Einige Studien belegen die enorme Bedeutung der frühkindlichen Bildung, nicht nur für die Bildungschancen, sondern auch für die Chance im Arbeitsmarkt und für die gesellschaftliche Teilhabe. Der Nutzen eines Euro, den der Staat in die frühkindliche Bildung investiert, ist deutlich höher als bei einem Euro, der in Grundschulen oder weiterführende Schulen fließt. Kinder, die wichtige kognitive und nicht-kognitive Fähigkeiten bis zum Alter von sechs Jahren nicht erlernt haben, haben es in ihrem Bildungs- und Lebensverlauf viel schwieriger, sich gewisse Fähigkeiten anzueignen.

Eine Studie meiner Kolleginnen am DIW Berlin Sophia Schmitz und Katharina Spieß zeigt, dass sechs Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen in Deutschland keine Kita besuchen. Die Zahl mag vielen als gering erscheinen. Bei Geburtenjahrgängen von um die 700.000 Kindern in den letzten Jahren bedeutet dies jedoch, dass mehr als 100.000 der Kinder über drei Jahren zurzeit nicht in die Kita gehen.

Dies betrifft zwar Kinder aus allen gesellschaftlichen Gruppen, häufig aber Kinder aus Familien mit geringen Einkommen, mit Müttern, die einen geringen oder keinen Bildungsabschluss haben, oder Kinder, deren Eltern beide einen Migrationshintergrund haben. Und es sind vor allem diese Kinder, denen der Besuch einer Kita besonders helfen würden.

Dies heißt nicht, dass alle 100.000 Kinder besser dran wären, wenn sie in die Kita gehen würden. Viele dieser Kinder werden zu Hause von ihren Eltern oder durch alternative Angebote, wie Eltern-Kind-Gruppen, gut betreut. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass ein signifikanter Anteil dieser 100.000 Kinder in der Tat deutlich von dem Besuch einer Kita profitieren würden.

Zum Teil sehen Eltern wegen zu hoher Kosten oder weil sie keinen Kitaplatz haben davon ab, ihre Kinder in eine Kita zu schicken. Auch die Mentalität und Werte der Eltern mögen eine wichtige Rolle spielen. Dabei erlebt Deutschland seit der Wiedervereinigung einen großen Wertewandel in Bezug auf Kinderbetreuung und Frauenbild. 68 Prozent der Westdeutschen waren 1994 noch überzeugt, dass ein Kind, das noch nicht zur Schule geht, darunter leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist. Dieser Anteil fiel auf (noch immer erhebliche) 32 Prozent im Jahr 2012. Nur 13 Prozent der Ostdeutschen waren zum selben Zeitpunkt dieser Ansicht. Zudem gaben 2012 noch 42 Prozent in Westdeutschland an, dass Familienmitglieder die Betreuung von Kindern, die noch nicht zur Schule gehen, übernehmen sollten. Viele Eltern haben ein falsches Verständnis davon, was einem Kind der Besuch einer Kita bringt.

Was können Politik und Gesellschaft tun, damit nahezu alle Drei- bis Sechsjährigen in Zukunft eine Kita besuchen? Mehr Informationen und Aufklärung sind sicherlich ganz wichtige Elemente, genauso wie eine bessere Qualität und Verfügbarkeit von Kitaplätzen. Obwohl jedoch seit vielen Jahren mehr Gelder und Aufmerksamkeit für Kitas bereitgestellt werden, ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Kinder, die keine Kita besuchen, kaum gesunken. Es ist also fragwürdig, ob eine Informationskampagne alleine diesen Anteil deutlich reduzieren könnte.

Die Kita ist ähnlich wichtig wie der Besuch der Grundschule

Eine Kitapflicht für Kinder ab dem dritten Lebensjahr wäre sicherlich das effektivste Instrument, um sehr schnell fast allen Kinder einen Kita-Besuch zu ermöglichen. Aber eine solche Pflicht ist auch hoch umstritten – auch übrigens unter meinen eigenen Kolleginnen und Kollegen am DIW Berlin. Das wohl wichtigste Argument gegen eine Kitapflicht ist, dass diese die Wahlfreiheit der Eltern beschneidet und eine Verfassungsänderung erfordern würde. Sollte aber das Wohl der Kinder, denen ohne Kitabesuch Chancen verwehrt werden, nicht das höchste Gut sein, höher noch als die Freiheiten der Eltern?

Auch beim Thema Schule haben alle westlichen Gesellschaften entschieden, dass die Vorteile eines Schulbesuchs über der Wahlfreiheit der Eltern steht. Da wir jedoch wissen, dass ein Besuch einer Kita von Drei- bis Sechsjährigen ähnlich wichtig ist wie der Besuch einer Grundschule, dann ist dies ein überzeugendes Argument für eine Kitapflicht. Auch eine Reihe von europäischen Ländern, darunter Frankreich, haben eine solche Pflicht.

Eine Kitapflicht würde zudem den Staat zwingen, der frühkindlichen Bildung noch deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als bisher. Dabei geht es nicht nur um die Verfügbarkeit von Kitaplätzen, sondern vor allem um eine Verbesserung der Qualität und eine Angleichung von Qualitätsstandards für alle, also wirkliche Chancengleichheit, die bereits im frühkindlichen Alter gelebt werden kann.

Eine Kitapflicht kann keineswegs ein Ersatz für andere, dringend notwendige Maßnahmen der frühkindlichen Bildung sein, vor allem eine Verbesserung der Betreuungsqualität durch eine höhere Wertschätzung und Ausstattung des Fachpersonals, eine gezielte Förderung von Kindern, eine Verbesserung des Angebots und mehr Informationen über den Nutzen des Kitabesuchs. Aber eine zentrale Frage ist, ob es uns als Gesellschaft gelingen kann, ohne eine Kitapflicht allen Kindern die Chance zu geben, ihre Talente und Fähigkeiten voll zu entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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