Gender Uncategorized ZEIT Kolumne

Nein, der Gender-Pay-Gap ist kein Mythos


Dieser Beitrag ist am 22. März in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Selten zuvor hat der Equal-Pay-Day in der deutschen Öffentlichkeit eine so breite und heftige Diskussion ausgelöst wie in diesem Jahr. Damit rückt – zumindest für kurze Zeit – ein Thema in den Mittelpunkt, das von vielen in Deutschland noch immer stiefmütterlich behandelt wird. Zugleich war die Debatte selten so polarisiert wie diesmal. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb, die wichtigeren Gründe für die Lohnunterschiede lägen im Privatleben und nicht an der Diskriminierung am Arbeitsplatz. Und oft sei das niedrigere Gehalt die Folge von freien Entscheidungen der Frauen selbst. Ist das tatsächlich so?

Der Bruttostundenlohn von Frauen liegt in Deutschland 21 Prozent unter dem der Männer. Damit ist der deutsche sogenannte Gender-Pay-Gap einer der höchsten unter den Industrieländern. Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass ein großer Teil der Lohnlücke durch Faktoren erklärt werden kann, die auf den ersten Blick nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Das sind etwa Unterschiede in der Berufserfahrung, die Frage, ob jemand Teilzeit oder Vollzeit arbeitet, der Berufszweig, die berufliche Stellung im Unternehmen und die Betriebsgröße. Rechnet man all das heraus, bleibt noch ein Lohnunterschied von etwa sechs Prozent übrig, der bereinigter Gender-Pay-Gap genannt wird.

Manche argumentieren, diese bereinigte Lücke sei vergleichsweise klein und der größte Teil des Lohnunterschieds sei somit auf freiwillige Entscheidungen von Frauen zurückzuführen. Problem gelöst, so diese vorwiegend männlichen Kommentatoren.

Frauen verzichten nicht freiwillig

Viele Erklärungen der Lohnlücke gehen aber eben nicht auf freiwillige Entscheidungen von Frauen zurück, sondern sie sind das Ergebnis von Diskriminierung im Arbeitsmarkt – und das gilt auch für jene Faktoren, die im bereinigten Gender-Pay-Gap gar nicht mehr enthalten sind. So gibt es Belege dafür, dass Frauen nicht freiwillig auf Führungspositionen verzichten, sondern dass sie in einer männerdominierten Berufswelt größere Hürden zu überwinden haben. Das hat unter anderem die Wissenschaftlerin Iris Bohnet in ihrem Buch What works anhand zahlreicher Beispiele gezeigt. Auch wählen Frauen nicht freiwillig Berufe, die schlechtere Löhne zahlen. Sondern Studien zeigen, dass in Deutschland die Löhne in solchen Berufszweigen sinken, in die Frauen vordringen.

Und viele Frauen suchen sich eben nicht freiwillig aus, gar nicht oder nur wenige Stunden pro Woche zu arbeiten. Sondern es werden ihnen viele Hürden in den Weg gelegt, die es wenig attraktiv machen, überhaupt zu arbeiten oder mehr zu arbeiten. Dazu gehört das umstrittene Ehegattensplitting. Es führt dazu, dass es sich für verheiratete Frauen oft kaum lohnt, mehr zu arbeiten. Eine wissenschaftliche Studie zeigt, dass alleine das Ehegattensplitting in Deutschland die Arbeitszeit von Frauen im Durchschnitt um 280 Stunden im Jahr reduziert. Das ist ein massiver Effekt, denn 280 Stunden entsprechen etwa einem Fünftel der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit einer Vollzeitstelle.

Es ist außerdem zynisch und falsch, zu behaupten, der unerklärte Teil der Lohnlücke sei mit sechs Prozent vernachlässigbar klein. Denn diese sechs Prozent lassen sich vermutlich direkt auf eine Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz zurückführen, und sie machen für viele Menschen einen signifikanten finanziellen Unterschied. Bei einem Medianeinkommen in Vollzeit in Deutschland von knapp 35.000 Euro im Jahr sind das 2.100 Euro – eine alles andere als triviale Summe.

Eine Frage der Werte

In einem Punkt aber haben diese Kommentatoren zumindest teilweise recht: Ein erheblicher Teil der fehlenden Gleichberechtigung von Frauen ist auf die Werte und die Mentalität in unserer Gesellschaft zurückzuführen. So sehen es noch immer viele Männer und auch Frauen, vornehmlich in Westdeutschland, als wünschenswert an, dass es in Familien mit Kindern eher die Frauen sind, die in Teilzeit arbeiten. Und auch die unbezahlte Hausarbeit bleibt meist an den Frauen hängen, auch wenn sie selbst arbeiten und auch am Wochenende.

Trotzdem kann und darf sich der Staat bei diesem Thema nicht aus der Verantwortung ziehen. Er kann sicherlich keinen Wertewandel vorschreiben. Aber er sollte allen Bürgerinnen und Bürger die gleichen Bedingungen bieten. Wenn Kita- oder Ganztagsschulplätze fehlen oder von unzureichender Qualität sind, dann haben nun einmal hauptsächlich die Mütter einen Nachteil, denn ihre Freiheit, zwischen Arbeit und Familie zu wählen, wird dadurch schon im Vorhinein beschnitten. Und das umstrittene Ehegattensplitting mag zwar in der Theorie geschlechtsneutral sein, in der Praxis setzt es aber für Frauen ganz andere Anreize als für Männer.

Die Debatte am Equal-Pay-Day hat einen wichtigen Beitrag dazu geliefert, dass das Thema der Gleichberechtigung von Frauen mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit rückt. Es ist wichtig, diese Debatte mit Zahlen und Fakten zu versachlichen und endlich anzuerkennen, dass der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland kein Mythos ist, sondern für viele Frauen eine bittere Realität.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.