Bildung und Familie Ungleichheit ZEIT Kolumne

Ein Verbot von Privatschulen ist keine Lösung


Dieser Beitrag ist am 19. April in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Annähernd jedes zehnte Kind in Deutschland geht inzwischen auf eine Privatschule – und die Tendenz ist stark steigend. Die Bedeutung privater Schulen hat in den vergangenen 25 Jahren stark zugenommen. Ist diese Entwicklung wünschenswert oder eher ein Hinweis auf schwindende Bildungsgerechtigkeit? Ergibt sich daraus Handlungsbedarf für den Staat, und falls ja: was genau sollte er tun?

Eine Studie am DIW Berlin hat diese bemerkenswerte Entwicklung identifiziert, ihre Ergebnisse lassen sich aber in verschiedene Richtungen interpretieren. Anfang der Neunzigerjahre haben demnach vor allem in Ostdeutschland nur wenige Kinder und Jugendliche eine Privatschule besucht. Im Jahr 2017 aber waren es bereits annähernd zehn Prozent aller Schülerinnen und Schüler, und der Anteil war in Ostdeutschland höher als in Westdeutschland und im Bundesdurchschnitt.

Was dabei hervorsticht, ist, dass die Schülerinnen und Schüler von Privatschulen nicht repräsentativ die deutsche Gesellschaft widerspiegeln. In Ostdeutschland geht fast jedes vierte Kind aus einem Akademikerhaushalt auf eine Privatschule, in Westdeutschland ist es immerhin jedes sechste Kind. Bei Eltern, die keine Ausbildung haben, geht nur jedes 20. Kind auf eine Privatschule. Außerdem stammen Schüler in Privatschulen zu einem erheblichen Teil aus einkommensstarken Familien. So besucht im Osten Deutschlands auch fast jedes vierte Kind von einkommensstarken Eltern eine solche Schule. Keine Rolle spielt dagegen die Frage, ob ein oder beide Elternteile in Vollzeit arbeiten oder ob ein Kind von einer Alleinerziehenden großgezogen wird.

Nun gibt es gute Argumente sowohl für als auch gegen die zunehmende Nutzung von privaten Schulen. Einige monieren zu Recht, dass der Anstieg von Privatschülern zu einer zunehmenden sozialen Segregation beiträgt, denn auf Privatschulen konzentrieren sich die Kinder aus bildungsnahen und vermögenden Elternhäusern.

Die zunehmende Bedeutung von Privatschulen führt jedoch nicht zu weniger Chancengleichheit in der Bildung. Denn die gute Botschaft ist, dass die Qualität der Ausbildung an Privatschulen bisher nicht systematisch besser war als an öffentlichen Schulen. Das heißt aber nicht, dass sich diese Unterschiede über die Zeit, und mit zunehmenden Gebühren und Erfahrungen, nicht noch entwickeln werden. Wohin dies führen kann, zeigen Länder wie die USA und Großbritannien, in denen Privatschulen eine große Rolle spielen und die großen Unterschiede im Bildungssystem zu einer geringen Bildungsmobilität beitragen.

Es gibt aber auch gute Gründe, die wachsende Beliebtheit von Privatschulen zu begrüßen. In einigen Regionen schließen Privatschulen nämlich Lücken im öffentlichen Bildungssystem. Sie mögen zudem in einigen Fällen zu mehr Vielfalt und Flexibilität im Bildungssystem beitragen. Es spricht ein weiteres Argument für sie: Sie erhöhen den Wettbewerb und zwingen damit auch öffentliche Schulen, besser zu werden. Wenn die örtliche öffentliche Schule nicht gut genug ist oder als nicht gut wahrgenommen wird, dann sind die Eltern geneigt, in Privatschulen abzuwandern. Das erhöht den Druck auf die öffentliche Schule, die Qualität und die Kommunikation zu verbessern.

Aber hier offenbart sich zugleich auch das Problem: Während Kinder aus einkommensstarken Elternhäusern die öffentliche Schule verlassen, bleiben häufig jene Kinder zurück, deren Eltern sich das eben nicht leisten können.

Mehr Investitionen ins öffentliche Bildungssystem

Die Diskussion zeigt also, dass die zunehmende Nutzung von Privatschulen auch damit zusammenhängt, dass Eltern unzufrieden mit den öffentlichen Schulen sind. Denn Eltern zahlen sicher nicht freiwillig zum Teil erhebliche Gebühren für Privatschulen, wenn sie überzeugt sind, dass sie die gleiche Qualität auch an kostenlosen öffentlichen Schulen erhalten können.

Wie also kann die Politik jedem Kind in Deutschland eine gleich hohe Qualität der Bildung gewährleisten und gleichzeitig die soziale Integration und Chancengleichheit verbessern? Das sogenannte Sondierungsverbot verbietet es jetzt schon, dass Privatschulen bei ihren Schülerinnen und Schülern nach den Besitzverhältnissen der Eltern unterscheiden. Dies könnte man sicherlich ergänzen, indem man eine soziale Staffelung zur Bedingung macht, sodass eben keine soziale Segregation an Privatschulen stattfindet.

Der Erfolg der Privatschulen in Deutschland ist in erster Linie das Ergebnis einer unzureichenden Bildungspolitik. Die Antwort ist daher sicher nicht das Verbot oder die Beschneidung von Privatschulen. Die Antwort müssen deutlich mehr Investitionen in das öffentliche Bildungssystem und stringente Qualitätsstandards über alle Bundesländer hinweg sein. Standards, die die öffentlichen Schulen zwingen, Rechenschaft abzulegen und eine zuverlässig hohe Qualität anzubieten.

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